Die Rudelchroniken

Als Geleitschutz zum Kloster des Heiligen Logar

Nachts

„Heh! Valkea, sieh zu, dass du deinen schmächtigen Arsch an Deck schwingst!“, sein muffiger Atem schlug mir direkt ins Gesicht. Ich stand keinen halben Meter vor ihm, was den großgewachsenen Kerl mit dem Hakentattoo am Hals nicht daran hinderte, in voller Lautstärke zu brüllen. Seine lumpige Kleidung war triefend nass. Wortlos tat ich, wie mir gehießen. Mit gezogenem Dolch öffnete ich die schwere Holzluke, die den Blick auf den tiefschwarzen Nachthimmel erlaubte. Direkt heulten eisige Böen um mich herum. Der Sturm hatte weiter an Kraft gewonnen. Aufregung erfüllte die ganze Mannschaft. Unmut machte sich in Form von Flüchen und Drohungen Luft. Beinahe brachen Schlägereien zwischen den Crewmitgliedern selbst aus. Niemand gab zu, was sie alle in diesem Moment verband – das Grauen, die blanke Angst vor dem, was dort unter ihnen lauerte.
Wellen schlugen über die Reling und warfen das Schiff mal in diese, mal in jene Richtung. Der Sturm hatte eines der zwei Rahsegel zerrissen, dessen Fetzen wild hin und her peitschten. Die restlichen konnten rechtzeitig eingeholt werden. Alle an Deck hatten Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Ein großer, bärtiger Mann, muskulös, aber von Narben und vom Alter geprägt, kam eilig auf mich zu und sah mich mit meinen eigenen Augen an. „Nein! Was machst du hier! Unter Deck, sofort!“ Die Dreiecks-tätowierungen auf seiner Stirn waren von Falten verzerrt. „Ich werde sowieso wieder hochgejagt, das weißt du.“, entgegnete ich und bemühte mich, um eine feste Stimme. Ich musste rufen, um über den Wind und das Wellengetose hörbar zu sein, das half. „Ich passe auf!“, sagte ich mit Nachdruck, bei diesen Worten wurde uns der Boden unter den Füßen weggerissen. Das Schiff ächzte und bekam immer mehr Schräglage. Wütende Rufe vermischten sich zu einem unverständlichen Durcheinander, die meisten versuchten sich zur sich hebenden Seite des Schiffes zu bewegen und klammerten sich an der Reling fest. „Swafnir möge dich in Stücke reißen, du elende Missgeburt des Mahlstroms!“, fauchte eine beinahe zahnlose ältere Frau, die sich neben mir wieder auf die Beine kämpfte, eine mit Nägeln versehene Keule in der rechten Hand. Bevor ich es ihr gleichtun konnte, wurde alles in die entgegengesetzte Richtung geschleudert. Bei dem Versuch, mir nicht den Kopf an den Holzdielen unter mir aufzuschlagen, konnte ich mich nur noch knapp mit den Händen abfangen. Ich schürfte mir meine schwieligen Handflächen auf. Männer wurden an die Harpunen gerufen. Ich half dem Mann neben mir auf, warf mir einige nasse Strähnen aus dem Gesicht und sah nur noch, wie ein riesiger Berg aus Gischt in die Luft stob und schließlich auf den Bug niederging. Die Besatzung hob schützend ihre Arme vor die Gesichter und verschwand für einen Moment im salzigen Weiß des Meerwassers. Ich spürte meinen Puls in der Kehle. Den Arm meines Begleiters hatte ich so fest gepackt, dass sich die Knochen meiner Finger weiß auf der Haut abzeichneten, doch ich achtete nicht darauf. Alle Augen waren Richtung Bug gerichtet. Ein Ohrenbetäubendes Brüllen erschallte, so kraftvoll, dass es allein das Schiff zum schwanken zu bringen schien. Der Bug hob sich unheilvoll. Holz knackte, das Geräusch von brechendem Eis, wenn man sich gerade mitten auf einem zugefrorenen See befand. Schließlich barst der Bugspriet. Der Kapitän brüllte so laut, wie ich ihn noch nie hatte brüllen hören und setzte seinen Kriegsschrei dem des Unheils entgegen. Es war offensichtlich das Zeichen zum Schießen gewesen. Harpunen wurden gefeuert. Ich konnte nicht sehen, ob sie trafen. Lediglich die grobe Richtung war zu erkennen, da verdeckte erneut das Spritzen einer Welle die Sicht, die sich über Deck und Mannschaft ergoss. Ein Herzzerreißender Laut drang an mein Ohr. Der Steuermann wurde gerade noch davon abgehalten, über die Backbordreling zu klettern. Verzweifelnd fuchtelnd streckte er seine Arme zum Wasser aus. Erneut schwoll der Lärmpegel an. Seine Frau Sveta, die mit den Perlen im Haar, war von Deck geschwemmt worden. Ich wurde zum Mast gezerrt. Eindringlich sahen mich erneut meine Augen an. „Halt dich gut fest..! Vergiss den Dolch, nutze lieber beide Hände.“, und der Mann wickelte zwei Taue in Hüfthöhe um mich und den Großmast. „Aber, du-“ Eine Sturmböe peitschte erneut über uns hinweg und riss meine Worte fort. Brüllen, dass von Überall gleichzeitig zu kommen schien zwang mich zum kläglichen Versuch, mir die Ohren zuzuhalten. Es war so laut, dass mir die Sicht verschwamm. Der Mann verschwand. Das Schiff wurde herumgerissen, sodass ich gegen den Mast gedrückt wurde. Als mein Brustkorb auf dem Holz aufschlug, blieb mir der Atem weg. Alles rief und schrie und fluchte. Ich tat es ihnen gleich. Ich rief nach dem Mann, der zum Bug gerannt war. Salzige Gischt spritzte in meinen weit aufgerissenen Mund. Salzige Rinnsale rannen meine Wangen herab. Als erneut Holz zu bersten begann, schlug mir etwas gegen den Kopf. Alles wurde schwarz.

Stechender Schmerz ließ mich erwachen. Ehe ich die Augen öffnen konnte, fasste ich mir an die Stirn, wo ich neben verklebtem Haar rauen Stoff ertastete. Jemand hustete, röchelte, neben mir. Stöhnen und Keuchen aus einer anderen Richtung. Verschwommen nahm ich erste Umrisse meiner Umgebung wahr. Waberndes Kerzenlicht erfüllte den viel zu kleinen Raum, in dem sie abermals mehrere Wochen zusammengepfercht gelebt hatten. Es stank unter Deck, wie gewohnt. Doch nun mischte sich auch der rostige Geruch von Blut unter die verbrauchte Luft. Plötzlich spürte ich etwas am Arm, eine große, raue Hand drückte sanft meine Schulter. „Du lebst noch..“, versuchte ich hervorzubringen, nicht sicher, ob meine Worte im schwächlichen Kratzen meiner Stimme untergingen. Verflucht, ich hatte kaum Kraft meinen Kiefer zu bewegen..! Eines der Augen, die meinen so ähnelten, deutete unterlaufen und glasig ein aufrichtiges Lächeln an. Das andere war von einem dunkelrot getränktem Tuch verdeckt.

Wenige Tage später, mit einer deutlich kleineren Besatzung als noch zum Zeitpunkt unseres Aufbruchs und kaum noch Vorräten erreichten wir endlich die Küste. Fernab eines Hafens versuchte man das Schiff mit dem verbliebenen Segel in die Nähe einer felsigen Erhöhung zu bringen. Waldgebiet erstreckte sich in unmittelbarer Nähe, sodass man es um einige vom Wind gebeutelten Bäume oder zumindest die Überreste ihrer Stämme vertäuen konnte. Zusätzlich wurde der Anker ins Wasser geworfen. Viele der vertrauten Gesichter waren zu Masken erstarrt, redselige Menschen hatten sich zu apathischen, ausdruckslosen Körpern verwandelt. Wer seiner Verzweiflung und Trauer über die erlittenen Verluste noch Ausdruck zu verleihen vermochte, tat dies. Vor allem indem jene verurteilt wurden, die noch lebten. Pltzlich schien jeder Vorwand aus der Vergangenheit Grund genug, einen anderen zum Erzfeind zu erklären. Wenn nicht dies, wenn nicht das … so wäre das alles nie passiert. Die Enge des Schiffes trug seinen Teil zum allgemeinen Unbehagen bei. Endlich an Land, gingen alle von Bord. Drehte man sich um, so stand jeder auf seine Art vor einem Trümmerhaufen. Sei es das marodierte Schiff, dass uns in diesem Zustand keinesfalls wieder in unsere Heimat zurückbringen konnte, sei es die Vorstellung einer Zukunft gewesen, die mit der Ware an Bord weggeschwemmt worden oder mit einigen armen Hunden dort draußen gestorben war.
Was Hunger, Wut, Angst, Trauer und Schmerz waren, das wussten alle Anwesenden spätestens jetzt. Die Reise hatte einen ihrer grausamen Höhepunkte erreicht. Gemeinsam musste ein Weg zurück gefunden werden. Und gemeinsam würden sie einen finden, so die Worte des Kapitäns, dessen Augen seit jener stürmischen Nacht nervös zuckten. Sein Lachen wirkte deplatziert. Und, auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte, von Angst erfüllt. Ein Murren, das sich schwer als zustimmend oder teilnahmslos zuordnen ließ ging durch die Gruppe verschiedenster Menschen.
Was die Natur und ihre Gewalt anrichten konnten, hatten alle miterlebt, deutlicher noch als jeder Winter der letzten Jahre es uns hatte zeigen können. Das wahre Grauen jedoch, lauerte in den Menschen selbst, wie ich bald herausfinden sollte.
Es dämmerte. Im Wald hinter uns waren plötzlich Stimmen zu hören. Schritte und das Klirren von eisenplattenverstärkter Rüstung näherten sich. Ohne Vorwarnung lachte der Kapitän erneut sein wunderliches Lachen, ich zuckte vor Schreck zusammen.

Viriea schlug die Augen auf. Vor ihr tänzelten Schatten im Waldrand, die ihr Bewegung vorgaukelten. Als aus wenigen Metern Entfernung das Schnarchen ihrer zwergischen Begleiterin ertönte, klärten sich ihre Gedanken allmählich. Hinter ihr war vertrautes Knacken von einem Lagerfeuer zu hören. Wenn sie sich umdrehte sah sie Thorkins Rücken. Gerade aufgerichtet und die Straße hinter ihnen fokussierend entging seiner Aufmerksamkeit nur Wenig, selbst im Dämmerlicht des Feuerscheins nicht. Sie musste sich unweigerlich fragen, wie sehr ihn die Vorkommnisse der letzten Tage beschäftigen mochten. Fetzen ihres Traums geisterten noch vor ihrem inneren Auge. Das Grauen, welches er durchlebt haben musste, mochte sie sich kaum ausmalen.
Hob sie ihren Blick, sah sie Amariels Haar im Licht des Feuers glänzen. Sie lag ihr abgewandt in ihrem Schlafsack zusammengerollt. Ihr Atem stieg ihn feinen Wölkchen auf. Die Kutsche stand unverändert in der Mitte des Pfades, den sie entlang reisten. Vom Kutscher und seinem unbekannten Mitreisenden war kein laut zu hören. Nicht weit davon entfernt Thora, von der das regelmäßige Schnarchen ausging. Sie schlief vor dem Eingang des Zeltes, in dem derjenige lag, der ein mal Andrasch gewesen sein mochte. Viriea wünschte sich im Stillen, dass auch er irgendwann wieder schnarchte, so ohrenbetäubend es auch für alle Anwesenden sein mochte. Dem Weg, der noch vor ihnen lag zugewandt, saß Irion, der sich gerade eine seiner Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und eine Seite in dem Buch umblätterte, welches sie ihm aus der Kiste des Mantlers gegeben hatte.
Sie fühlte sich erschöpft. Die Reise war bisher ohne Zwischenfälle verlaufen, doch wie immer zerrte an ihr ein ungutes Gefühl. Sie zog ihren Schlafsack höher und vergrub ihre Nase so gut es ging darin, um vor der kalten Luft der Winternacht ein wenig geschützt zu sein. Einige Stunden bis Sonnenaufgang blieben ihr noch, also versuchte sie, die Gedanken in ihrem Kopf zum schweigen zu bringen, die Bilder des Traums zu vertreiben und erneut einzuschlafen.

Comments

Ooooh, diffuse Hintergrundgeschichte die mehr Fragen stellt als sie beantwortet. Nice.
Klingt allerdings so als ob der Käptn gemeutert gehört. Was vielleicht ja auch passiert ist. Man bleibt gespannt.

 
Viriea

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