Die Rudelchroniken

Von Sieg, Sand und Blut

Musik!

Ich versuche aufzustehen, benommen von dem Schlag an unserem Kopf. Die Sonne steht tief, und der Sand unter unseren Füßen ist rot und feucht von dem Blut der Kämpfer vor uns, gibt kaum halt. Ehe wir es schaffen uns aufzurichten, wirft ein Triff uns wieder um.
„Maqatl? Aldhib? Ha!” Der Kämpfer dreht sich zum Publikum, fordert. Die Leute johlen und brüllen, zollen ihn mit ihren Schreien und Geifer Tribut. Die Arena ist voll mit ihnen, mehr Menschen als ich jemals in meinem Leben sah. Ihr Gestank verpestet die Luft, quält meine Lunge. Die Hitze macht es noch unerträglicher, raubt mir Kraft und Atem. Kaum das ich nur ein Fetzen meiner Kräfte gesammelt habe, ist meine Gnadenpause vorbei. Der Kämpfer dreht sich wieder zu uns – Nein, zu MIR – und höhnt. „Alhusul ealaa ma yasla! Walkafaha!“
Ich verstehen die Sprache nicht, aber was er sagt ist klar. „Schwächling. Steh auf und kämpfe.“ Ich stehe auf, und kämpfe. Und verliere.

Er verliert.
Der Schwächling verliert und ich übernehme, schiebe ihn in die Schwärze. Der andere lässt sich feiern, glaubt schon gewonnen zu haben. Ich richte mich auf. Die Vielen jubeln, und halten inne. Stille breitet sich aus. Alle Augen ruhen auf uns, unserer Verwandlung. Ich lasse mir Zeit, genieße die Angst in ihren Augen. Mein Fell sprießt, seine Knochen knacken, brechen sich damit meine Platz haben. Ich grinse, zeige meine Fänge. Unsere Gestalt thront über dem Kämpfer, halb Wolf und halb Mensch. Der Gestank von Angstschweiß vermischt sich mit dem süßen Geruch des Blutes, lockt mich. Ich schaffe es noch einen Moment mich zurück zu halten, einen Moment zu genießen, dann stürze ich mich auf ihn.
Der Kampf dauert nicht lange, länger als er eigentlich sollte, aber ich kann es nicht lassen mit meiner Beute zu spielen. Wieder und wieder reiß ich in um, und lass ihn mit ein paar blutigen Wunden mehr laufen. Die Vielen jubeln jetzt für mich, feiern meine Aufführung. Ich bin hin und her gerissen, ob es mich nervt, mein Spiel teilen zu müssen, oder ob ich es genieße, nach Monaten der Stille wieder gesehen, gehört zu werden. Doch als das Knacken eines gebrochenen Knochen vom der Begeisterung des Publikums fast übertönt wird, entschiede ich mich. Als ich den nächsten Knochen breche, ertönt mit ihrem Geschrei mein Siegesgeheul.

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Wir wachen auf, schweißgebadet, mit Fängen statt Zähnen. Alles drängt, aufzuspringen, zu kämpfen, doch Stille umgibt uns. Langsam, beruhigen wir uns, lauschen dem Atem der unseren. Es ist ruhig, alle schlafen, nur Hinnerk hält Wache und Irion wälzt sich unruhig umher. Seitdem er verletzt ist, träumen wir gemeinsame Träume von den Tagen als wir Einer-und-Ein-Anderer waren. Ob Bren sie mir zeigt um sich zu erklären? Ob es Alpträume sind, die ihn verfolgen, weil ich uns schuldig fühle? Ob ich sie ihm zeige, damit er sich mir erklärt? Ich weiß es nicht, wir schweigen uns an.
Irion ächzt und wimmert im Schlaf, und sein Leiden folgt uns in den nächsten Traum.
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Wir träumen von Fieber, von Krankheit. Mein Bruder wird vom Traum verschlungen, vergisst das er schläft. Ich sehe zu wie er wimmert und winselt, doch wir wachen nicht auf. Ist es sein Mitleid das uns diese Tage noch einmal durchleiden lässt?

Sie bewarfen uns mit Pulvern um mich zu rufen, und mit Pulvern um mich zu vertreiben. Zu oft in zu kurzer Zeit, und unser Körper wurde schwach und heiß, hielt meinen Bruder in Fieberträumen gefangen. Ich half ihm nicht, ließ ihn einsam leiden, genoss „meine Rache“. Er hatte mich, kaum dass ich ihn fand, in seinem Geist allein gelassen, hörte meine Rufe nicht, hatte sich in seinem Verlust verloren und mich verdrängt. Und jetzt konnte ich ihn alleine lassen, sein Betteln ignorieren.
Ich beobachte meinen Bruder gefangen in Träumen, beobachte mein vergangenes Ich, und… schäme mich? Ja, tatsächlich, Scham breitet sich in mir aus, Reue, dass ich meinen Engsten so alleine gelassen hatte. Während ich die Tage in Kampf und Schlacht, in Blut und Mord feierte, jagten ihn nachts die Geister seines Rudels, hielten ihn in Ketten gefangen wo ich frei zum toben und töten war. Tag um Tag brach ich Knochen die er heilen musste, zerfleischte Körper die er wieder ausspuckte, Jahr um Jahr wuchs ich während er verkümmerte, wurde es immer mehr mein Körper, den ich ihm lieh damit er sich darum kümmerte.
Der Traum ließ die Jahre verfließen, schwemmte uns durch die alten Leiden, den alten Hass. Ich sah mir zu wie ich meine Hälfte mehr und mehr vernichtete, wie immer er immer weniger präsent wurde. Ich musste erleben wie meine Rache ihn schließlich eines Tages gänzlich aus unserem Geist vertrieb, ihn endgültig in die Schwärze band, die mich einst gefangen hielt. Ich spürte noch einmal die Einsamkeit, die ich damals für Sieg hielt, beobachte meinen Hochmut, und begann mich auf meinen Fall zu freuen.

Die letzten Tage unserer Gefangenschaft verbrachte ich als Zwischenwesen, halb und halb, genoss den Körper den ich als „Beute“ ihm abgerungen hatte. Ihre Pulver konnten mich nicht mehr vertreiben, zu fest war mein Griff. Ich feierte die Schlachtfeste, die Ekstase des Blutes, zerfleischte alle die sie mir zum Fraß vorwarfen. Mein Fell wurde rot, das Blut das ich Tag um Tag vergoss wurde Teil von mir.

Der letzten Tag selbst war fast wie jeder andere Tag, aber mit kleinen Unterschieden die alles veränderten. Wie jeden Tag bewarfen sie mich mit Pulver ehe sie mich zum Kampf brachten, aber anders als sonst brachte es mein Blut nicht in Wallung, sondern machte mich schwach, müde, wie jeden Tag brachten sie mich in Ketten in die Arena, aber dieses Mal lösten sie sie nicht, sondern hielten sie fest, zwangen mich in die Knie als der Kämpfer die Arena betrat. Ein Kämpfer, anders als alle zuvor. Kein Mensch stand vor mir, sondern ein Wesen aus Metall. Kein Stück Fleisch war zu sehen, eine umschließende Maske verbarg sein Gesicht, zeigte nur die Fratze eines Löwen in Gold, sein Körper war in weißen Stahl gehüllt, verziert mit noch mehr Gold, seine Arme in geschmiedete Pranken mit Klauen aus Eisen. Die Sonne ließ es erstrahlen, machte es fast unmöglich es anzusehen.
Das Publikum jubelte, nicht für mich, sondern für dieses fast göttliche Wesen. Damals war ich blind und taub für das Schauspiel, aber heute, nach Jahren unter Menschen, wenn ich noch einmal die Szene erlebe, mich gebeugt, wild, Fangzähne bleckend und noch mit getrockneten Blut beschmutzt sehe, und daneben die Statue aus Gold und Stahl, glänzen in der Sonne, und unmenschlich starr, verstehe ich warum ich diesen Kampf nicht gewinne durfte.
„Seht her“, schien die Szene zu sagen. „Seht her und staunt. Es ist ein Übel in dieser Welt, eine Bestie in Menschengestalt, ein Schandfleck auf unserer Herrlichkeit. Es hat alle die sich ihm entgegengestellt haben vernichtet, alle menschlichen Kämpfer zerfleischt, hat in Blut gefeiert und in Hass getanzt. Aber wo ihr schwach sind, gibt es die Starken, die aus Gold und Stahl einen prachtvollen Gott geschmiedet haben, die das Übel zerschlagen werden, die euch schützen, und denen ihr dienen sollt, weil sie besser sind.“

Wie furchtbar es für sie gewesen sein muss, als mein Bruder ihren Gott in Stücke riss.

Mein Anteil an Kampf war kurz und erbärmlich. Ihr Pulver machte mich träge, mein Körper schwach und kalt, die Ketten unendlich schwer. Ich taumelte mehr als dass ich tanzte, und obwohl das Wesen sich nur langsam bewegte, konnte ich mich kaum wehren, oder auch nur ausweichen. Der Kampf hätte nicht lange dauern sollen, doch es ließ sich Zeit, verpasste mir nur leichte Schnitte ehe es mich wieder fliehen ließ, macht aus meinem Tod eine Aufführung, ein Ritual. Mein Blut wurde über die Arena verteilt, benetzte den Sand und Staub, ließ meinen Stand noch unsicherer werden. Ein Hieb, ich gehe zu Boden, schaffe es nicht mich aufzurappeln. Das Wesen thront über mir, seine Maske kalt, und mir wird immer kälter und das Meer ruft. Ich spüre noch wie es seinen Fuß auf meine Brust presst, wie meine Knochen langsam nachgeben, und ich sehe schwarz.
Und dann rot.

Was folgt sind Fetzten. Pranken, die stählerne Arme biegen. Jubel, der zu Stille wird. Stille, die Schreien platzt macht. Ein Sprung, der eine eiserne Mauer umreißt. Ein Gott aus Stahl der unter uns liegt. Eine Löwenmaske, die Augen voller Angst verbirgt. Fänge, die sich erst in hartes Gold, und dann in weiches Fleisch bohren. Blinde Wut, die Wahrheit zeigt. Ein Mensch, der sich als Gott verkleidet. Ein Gott, mit Blut besudelt, zerbrochen. Ein Übel in der Welt, das Götter frisst. Sieg. Sand und Blut. Ketten und Kämpfen. Feinde um uns, Feinde in uns. Niederlage. Schwarz das das Rot verschlingt.
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Als wir aufwachen, sind wir wieder in unserem Lager. Wir hören wie Hinnerk Vivi weckt, sie leise Worte wechseln. Irion wälzt sich weiter umher, Amariel atmet fast unhörbar.
„Bruder.“ Wir müssen reden. Das Schweigen macht uns nur schwächer. Wir müssen uns wieder zuhören. Erneut rufe ich. „Bruder.“ Ich lasse Bren zu mir, wir sehen uns an. „Was geschehen ist…“ „ ist geschehen. Was ich damals getan habe, war Strafe für was ich damals tat. Aber was jetzt passiert ist, war anders.“ Wir schweigen einen Moment, geben mir Zeit mich zu sammeln. Ich spüre wie Bren anhebt, gebe ihm unsere Lungen damit er Seufzen kann. „Als ich merkte wie du die Sinne verlorst, übernahm ich. Doch als ich in unserem Körper war, waren die unseren nicht da. Um ums waren nur Feinde, und der Geruch von Sand und Blut lag ihn der Luft. Ich riss den ersten und begann…
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(Tayrach ist der blinde Gott der Wut und der Wahrheit. Er war der einzige, der als die nachtschwarze Spinne die Götter blendete, ihr wahres Übel erkannte. Er zerschlug ihre Fäden, und verbannte sie in die Tiefen, zusammen mit ihrer Brut, den Mochûla, die sie in den warmen Ländern als Dämonen kennen. Sein Geschenk ist der Blutrausch, der uns die Kraft gibt, alles verblendente zu zerschmettern, und alle Mochûla zu vernichten, vor allem aber alle Lügen zu offenbaren. Was heißt es nun, dass wir im Rausch fast die unseren erschlagen haben? Ist es Strafe, das wir von dem Mochûla in dem Tempel der Baronin flohen? Ist es die Wahrheit, das wir nichtmehr für ein Rudel geschaffen sind? Wir sind schwach, haben lange unseren Auftrag vergessen, verdrängt. Wir kämpften nicht für die Götter oder die Welt, nicht einmal für unsere Brüder Wölfe, sondern nur für die unseren. Wir hoffen das es nur eine Warnung war, werden uns dieses mal nicht vom Kampf gegen das Übel ablenken lassen. Wir werden weitere Kämpfer suchen, weitere Rudel die gegen das Übel vorziehen. Den Alpha der Kämpfer, Vivi’s Mantler, den Brenchi der Schlange, Minathriel, den Hüter des Waldes, die Kinder des Barons, alle die willig sind zu hören. Wir haben uns viel von den Göttern hier erzählen lassen, es ist Zeit das wir ihnen von unseren Dämonen erzählen. Vielleicht vergibt Tayrach uns, wenn wir mit unseren Rudel gegen das Übel selbst kämpfen, vielleicht wenn wir mehr Kämpfer auf seine Seite ziehen. Vielleicht müssen wir nicht auch dieses Rudel verlieren.

Aber vielleicht haben wir unsere Chance verloren, als wir unser erstes Rudel verloren, ohne mit ihm zu kämpfen. Vielleicht ist alles was uns bleibt, der Kampf gegen das Übel, und Tod im Nebel. Denn im Traum war unser Name Nebelzunge, und an unseren Händen klebt das Blut unseres Rudels.)

Comments

Sehr cool. Ich mag vor allem, dass man merkt wer wann spricht und das es an manchen Stellen sehr schnell wechselt :)

Von Sieg, Sand und Blut
 

Es freut mein Herz wenn Sätze wie “[…] weil ich uns schuldig fühle?” aufgrund des Kontextes tatsächlich grammatikalisch korrekt sind.

Aber hui, was für ein langer Text. Mit sehr viel Bren, was ich hoch begrüße. Der kommt ja sonst eher weniger zu Wort. Außerdem finde ich es sehr passend, dass er fett spricht und denkt. Es lässt ihn als den Größeren, Stärkeren der beiden erscheinen, was einen umso krasseren Gegensatz erzeugt wenn er sich nach all der Beschreibung von Blut und Tod schließlich auf seinen Fall freut (und damit quasi-vermutlich eingesteht wen er von euch beiden für den Stärkeren hält). Allgemein ist der Text einfach ein echt krasser Einblick auf welche Art ihr (vor allem Bren) denkt. Ich hoffe das wird wieder mit euch beiden.

Und meine Hochachtung, Sätze zu schreiben in denen zwei Personen wie im Dialog aber auch gleichzeitig wie eine Person sprechen muss schwer gewesen sein^^.

Warum sind um den letzten Teil eigentlich Klammern?

Von Sieg, Sand und Blut
 

Was Arne gesagt hat ^
suuuper cool! du hast da einiges aus der Chance rausgeholt, einen Mono-Dialog zu gestalten. Die visuellen Unterschiede erfreuen das Künstlerherz (Vor allem das “Durcheinander” am Ende) und wie Arne schon sagte, grammatikalische und syntaktische Auffälligkeiten lassen auch den Analysefreund jubeln :D Hui, das klingt aufgeblasen.
So viel Action im Kopf des sonst so wortkargen Torkin hätte man wohl nicht vermutet. Super gelöst, ich bin Fan! (Übrigens natürlich auch vom Inhalt ^
)

Von Sieg, Sand und Blut
 

aha. So schreibt man also hochgestellt. das war keine Absicht :D

Von Sieg, Sand und Blut
Hituzuge

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