Amariel Nachttanz

Waldelfe aus der Regenläufersippe

Description:

Der erste Mensch
„Ich erinnere mich noch genau an ihn: Er war ein großer Mann mit ungepflegtem Gesicht. Aber fangen wir doch am Anfang an:
Der Tag fing an wie andere Tage auch. Man hatte mich aus geschickt um den Wald um unserer salasandra zu beobachten. Es war ein schöner Frühlingstag. Die wärmende Sonne auf dem Gesicht zu spüren war wunderbar. Man merkte wie der ganze Wald diesen Tag genoss. Die Hasen kamen aus ihren Bauten, Rehe aßen das erste Grün auf einer Lichtung und alle Vögel erfüllten den Wald mit ihren Lockrufen für die Weibchen.
Ja, der Wald hätte nicht lebendiger und friedvoller sein können.
Und so streifte ich eine Weile durch den Wald und genoss sein Erwachen aus dem Winter, las ein paar Beeren auf und lauschte den Vögeln. Plötzlich veränderte sich etwas. Ich verharrte als ich ein Rascheln im Busch links von mir vernahm. Nach kurzem Schreck erkannte ich, dass es nur ein Kaninchen war. Voller Panik lief es zur mir. Es schien sich bei mir in Sicherheit zu fühlen. Vorsichtig ging ich in die Knie und berührte es mit meiner Hand um es zu beruhigen. Sein Herzschlag ging immer noch sehr schnell. Es schien lange vor etwas geflohen zu sein.
„Was hat dich so erschreckt, mein Kleiner?“
Ich schloss meine Augen um mich auf das Kaninchen einzustimmen. Was hatte es verängstigt? Vielleicht nur ein Fuchs der selbst um sein Überleben kämpfte?
Vor meinem geistigen Auge erschienen erst Bilder von saftigem Grün, dann raschelnde Blätter eines nahen Busches. Plötzlich sprang ein kleiner Wolf mit blitzenden Zähnen auf mich zu. Erschrocken zog ich meine Hand von dem Kaninchen zurück. Auch mein Herzschlag ging jetzt ein bisschen schneller.
„Und seit dem läufst du weg?“
Ich wusste, dass das kein Wolf gewesen war. Es muss einer dieser Hunde gewesen sein, die die menschlichen Jäger zur Jagd mitnehmen. Doch was machte ein Mensch hier?
In letzter Zeit hatten wir immer mehr Probleme mit ihnen gehabt. Sie überschritten die Grenzen und zerstörten die Natur. Sie nehmen zu viel und geben nichts. Ein einzelner macht meist wenig Ärger, doch bleibt es selten bei einem.
Ich beschloss mir diesen Jäger einmal genauer anzuschauen. Ich gab dem Kaninchen eine Beere und streichelte es zum Abschied. Ich schulterte meinen Bogen, kontrollierte die Pfeile in meinem Köcher und machte mich auf zu dem Platz an dem das Kaninchen angegriffen worden war.
Das Unterholz war aufgewühlt und an einer matschigen Stelle war ein Fußabdruck.
„Zu breit für einen Elfen.“, stelle ich fest.
Um herauszufinden warum dieser Jäger hier war musste ich ihn finden. Er war geübt darin seine Fährte zu verbergen, doch er war nicht eins mit dem Wald und so hinterließ er doch einen kleinen Pfad im Gefüge des Waldes.
Es dämmerte schon als ich ihn eingeholt habe. Sein Weg führte in die Richtung meines salasandra. Er hatte ein Feuer angezündet und briet sich gerade ein Kaninchen über den Flammen. Seinen Hund hatte er angebunden. Um ihn besser beobachten zu können kletterte ich auf einen Baum. Oben angekommen, sah ich ihn das erste Mal richtig: Ein Mann, der nicht schmutziger hätte sein können, mit Haaren im Gesicht, welche nur Menschen wachsen. Sie sehen immer so ungepflegt aus. Er hatte Felle eines Rotfuches an. Ich spannte meinen Bogen und zielte auf ihn, es wäre ein Leichtes gewesen ihn in diesem Moment zu töten. Doch hatte er das verdient? Vielleicht hatte er sich nur verlaufen?
Ich ließ meinen Bogen wieder sinken. In dieser Nacht passierte nichts Ungewöhnliches mehr.
Ich beobachtete ihn auch den nächsten Tag. Er schnitzte in regelmäßigen Abständen Markierungen in die Bäume, wahrscheinlich um den Weg zurück zu finden oder auch um den Weg hierher wieder zu finden.
Doch was suchte er überhaupt hier? Wollte er nur Nahrung jagen? Oder hatte er ein anderes Ziel?
Ich bekam meine Antwort. Gegen Mittag erlegte er einen Rotfuchs. Dies war das zweite Mal dass ich mit dem Bogen auf ihn gezielt hatte. Doch wieder wollte ich ihm noch eine Chance geben. Vielleicht brauchte er sein Fleisch ja?
An einem improvisierten Lager zog er dem Fuchs sein Fell ab und behandelte es. Das Fleisch blieb einfach liegen. Er steckte das Fell in seinen Rucksack, der schon voll mit anderen kostbaren Fellen war. Er jagt also nur für das Fell?
Ich legte ein drittes Mal mein Pfeil auf. Doch es gibt auch immer einen friedlicheren Weg. Er wird sich mir noch erschließen.
Der Mann machte sich wieder auf den Rückweg. Gegen Abend schlug er sein Lager auf einer Lichtung auf. Ich entschied mich dafür mit ihm zu reden. Ich trat aus den Schatten in den Schein des Feuers.
„Seid gegrüßt Fremder, erschreckt euch nicht. Ich möchte nur, dass ihr nicht mehr in diesen Wald geht. Ihr behandelt ihn nicht gut“ In meiner Naivität dachte ich, dass bitten reicht.
Der Mann dreht sich zu mir um, zog sein Messer und ging auf mich zu. „Und ich dachte schon ich würde nie die Aufmerksamkeit einer Elfe auf mich ziehen. Gut, dass ihr mich doch noch gefunden habt. Und jetzt wehrt euch nicht, dann könnt ihr ohne eure Ohren noch weiterleben.“
Ich wusste nicht wie mir geschah und doch zog auch ich mein Jagdmesser aus meinem Stiefel. „Was ist nur mit euch geschehen, dass ihr so geworden seid?“
„Die Welt ist mit mir geschehen“, lachte er laut und griff mich mit dem Messer an.

Ich erinnere mich an den Kampf nicht. Ich erwachte mit Schmerzen und mit einem toten Mann neben mir, dem mein Messer in seinem Herzen steckte.

Ich frage mich seitdem was die Welt solchen Menschen angetan hat, dass sie so hasserfüllt werden."

„Und so kam ich an diesen Knochen hier“ Die zierliche Elfe deutete in ihr Haar.

Das Erste Blut

„Amariel, komm!“ Eine junge Elfe sprang aus dem Geäst und federte sich geschickt ab. „Was ist denn Liamia?“
„Wir gehen auf die Jagdt, jedoch leitest du dieses Mal mich.“
„Glaubst du ich bin bereit dafür?“
„Der Älteste hat mich darum gebeten.“ Sanyarian lächelte Amariel verschmitz an. „Außerdem werde ich nicht von deiner Seite weichen.“

Meine erste Jagd, bei der ich selbst das Wild wähle und dieses mich hoffentlich als seinen Jäger. Wir begeben uns in tiefere Gebiete des Waldes, wo nur die Natur herrscht. Es ist schön den Wald in seinem erwachten Frühlingskleid zu sehen. Überall kommt neues Leben zum Vorschein. Neue Baumsprösslinge wagen sich an das Licht, um einmal Urtume des Waldes zu werden. Und auch die Tiere erwachen. Das erste Tier was ich bemerke ist ein Kaninchen. Ich spanne meinen Bogen und ziele als ich ein Rascheln in der Nähe des Kaninchens bemerke. Eine kleine Nase kommt aus dem Gras rausgekrabbelt: ein Jungtier. Die, wie ich jetzt erkenne, Mutter des Tieres geht wieder zu ihrem Bau, schubbst das Junge hinein und folgt ihm. „Dieses Tier ist nicht das Richtige, es hat noch eine wichtigere Aufgabe.“,sagte Amariel zu Sanyarian, der daraufhin nickte.
Wir streifen weiter durch den Wald. Bald finde ich viele Spuren von Rehen. Es muss eine größere Gruppe sein, die nicht allzu weit weg ist. Das erste Tier das in Sicht kommt ist noch recht jung und man sieht eine leichte Wölbung des Bauches. „Dieses Tier kommt nicht in Frage. Wenn wir sie nehmen würden, nehmen wir dem Wald zwei Leben und haben nur Nahrung von einem. Das wäre ungerecht.“ Wieder nickt Sanyarian.
Wir warten bis die Herde an uns vorbei ist. In einigem Abstand zu den restlichen Tieren, sehe ich noch ein letztes Reh. Es scheint eine Verletzung am Bein zu haben und kommt deswegen den Anderen nicht schnell genug hinterher. Ich habe mich für dieses Tier entschieden: Ich spanne, ziele und schieße. Als der Pfeil trifft, hüpft das Reh instinktiv weg, bricht aber schnell zusammen. Ich gehe zu dem verletzen Tier und seine Augen schauen direkt in meine. Mir scheint als würde es verstehen, dass dies sein Schicksal ist und seine letzte Aufgabe. Ich erlöse es von seinen Qualen und knie mich zu ihm hinunter, um ihn ins Ohr zu flüstern: „nurd’dhao, ti maht’e nurdra sala“. Sanyarian steht hinter mir und legt anerkennend eine Hand auf meine Schulter. „Jetzt hast du dein erstes Blut vergossen, um unserer Sippe das Überleben zu garantieren.“

Bio:

Amariel Nachttanz

Die Rudelchroniken Amariel