Die Rudelchroniken

Der Schlangenberg - Die Feste des Wahnsinns

Mit mehr Glück als Verstand waren die Helden aus den Herzwaldgrotten entkommen. Doch sie hatten etwas wichtiges gewonnen: Thyvar, der Geist und ehmalige Geliebte Argelias begleitete sie auf ihrer Queste. Nachdem ihre Wunden so weit wie möglich versorgt waren, machten sie sich zunächst auf den Weg zurück nach Mirantha. Leider war Minathriel im Dorf nicht mehr anzutreffen, als sie dort ankamen, doch Mandavar Feuerlied war mitlerweile genesen und bedankte sich gebührlich bei den Helden, für seine Rettung. Thyrvar hatte sich die meiste Reise über ruhig verhalten, doch in Mirantha konnte er nicht anders:

“Ich hätte nie gedacht, dies hier wiedersehen zu dürfen…
Schade dass Minathiriel nicht hier ist. Bei Swafnir, es wäre schön eine alte Kampfgefährtin wiederzusehen“.

Martellus jedoch drängte zum Aufbruch, also wurde nur noch eine Nacht in Mirantha verbracht um sich auszuruhen. Am nächsten morgen sollte Glimmer die Helden dann zum Schlangenberg führen…

Man merkte deutlich, dass Martellus aufgeregt war. Zwar hatten seine Karten ihm im Herzwald den Dienst versagt und sein Kompass sie im Kreis geführt, doch schließlich hatten sie alle es doch noch irgendwie zum Schlangenberg geschafft.

Athovar legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.
Bleib wachsam, alter Freund

Martellus nickte.
Du hast recht. Wir wissen nicht was uns erwartet. Wir sollten auf alles vorbereitet sein.

Athovar schärfte seine Klinge abends am Lagerfeuer und blickte in die Flamme. Seine Augen waren dunkel und seine Gedanken schienen weit in die Ferne zu reichen in diesem Moment.

Hey Athovar. Kennt ihr nicht nen guten Witz?”,
wollte Andrasch wissen.

Athovar guckte mit undeutbarem Gesicht in seine Richtung.
Wie wurde der Kupferdraht erfunden?” , frage er dann unverwandt.

Andrasch war verwirrt:
Öhhm keine Ahnung, was weiß ich denn, also Ich nehme an, dass ein Mechanikus, vermutlich ein Zwerg, irgendwann einmal auf die Idee kam…

Er wurde von Athovar unterbrochen:
Zwei Zwerge fanden gleichzeitig den selben Heller

Fortsetzung folgt

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Om Saga og Sannnhet / Bren's Geschichte

„Bren liebt Geschichten genauso sehr wie ich. Doch wo ich vor allem zuhöre und aus ihnen lerne, verbringt er viel Zeit und Gedanken damit, aus Lektionen und Legenden eigene Geschichten zu schmieden. Solange wir reisen und wandern bin nur ich es, der zuhören kann, doch sollten wir es schaffen alt zu werden, und in unsere Heimat zurück zu kehren, so hat er vielen Erzählungen die wir mit den Jungen und den Alten teilen werden. Er hofft das unsere Lehren, mit viel Blut und Leid bezahlt, den Kindern der Odûne helfen kann, andere, billigere Fehler zu machen.“


„Menschling, Fleischling. Ich erzähle dir eine saga, eine Legende aus meiner Vergangenheit, und eine Geschichte, eine sannhet aus meinen Leben und weise dich zu den Lehren die in beiden versteckt sind.“
Bren sieht dich an, Fänge leicht gebleckt. Ein Lächeln? Ihr sitzt gemeinsam unter den Sternen. Aus der Ferne hörst du Stimmen und Gelächter, andere, die sich um ein Feuer versammelt haben, und das Ende des Tages feiern. Ihr beide sitzt etwas abseits von ihnen, damit Bren dir eine Geschichte erzählen kann, an der er gerade arbeitet.

„Diese Legende stammt nicht vom meinen Geschwistern, nicht von den Kindern im Norden. Sie ist eine saga unserer Verwandten im Süden, den Verschlingern der Toten. Aber sie enthält Lektionen die für alle wahr sind, und so trage ich sie weiter, in den Norden, zu den meinen.“

Bren setzt sich auf, und hebt an zu erzählen. Du merkst wie sich seine Stimme verändert, etwas getragenes, schweres bekommt, ganz anders als die Leichtfertigkeit, mit der er sonst spricht.

„Det ver en gang, in den Tagen ohne Namen, als die haren noch Fleisch fraßen, zwei, die vor fast allen anderen waren. Hun-er und Han-er, Sie-Ist und Er-Ist. Beide gleich in fast allen, eben in Stärke und Mut, in kjaerlighet og skjônnhet, lebten sie viele Jahre zusammen, jagten gemeinsam ihre Beute, und kämpften gemeinsam gegen ihre Feinde.“

„Vor vielen Jahren, als mein Bruder und ich noch keine Hälften sondern uns fremst waren, und ich kaum aus meiner Heimat gerufen und gerissen wurde, waren wir Feinde, in hat og raseri, Hass und Wut, vereint und getrennt. Wir hatten beide eine Schlacht um unseren Körper geschlagen, und hatten beide verloren.“’

Bren hält hier kurz inne, gedankenverloren. Reue scheint in seinen Augen zu schimmern.

„Nachdem wir aus unserer Gefangenschaft geflüchtet sind, reisten wir nach Norden, in Richtung unsere alten Heimat. Was mein Bruder dort suchen wollte, bin ich mir bis heute nicht sicher, doch ich sehnt mich nach Sicherheit, nach hjemsted und Gemeinschaft, die nur ein Rudel unseresgleichen bieten konnte. Kinder des Madath, Brüder der Wölfe. So flohen wir gemeinsam, blind und taub für einander, zurück in unsere alten Lande.“

„So wie es geschieht, wenn Zwei eins werden, wurde Sie-ist schwer mit Kind. Han-er, voll mit Sorge und Liebe, jagte durch die weiten Lande, riss Beute um Beute, schlug Feind um Feind, um hjemsted und Nahrung für die seinen zu schaffen, und um alle Gefahren für Sie-Ist zu bannen, ehe Sie schwach wurde. Doch um alle Gefahren zu bannen, wagte Er sich tief in die dunklen Lande der Mochûla, wo Er einsam kämpfte.“

Bren sieht dir in die Augen, fordert deine Aufmerksamkeit.

„Beachte! Hier lieg die erste Lektion zum zweiten Mal versteckt. Fern von Heimat und Banden, verlassen und verängstig, geschwächt von Sorge, getrieben von Furcht, jagte Er-Ist tief in den dunklen Landen. So wie wir unsere Beute von seiner Herde trennen um es zu reißen, so lockten ihn die Mochûla tiefer und tiefer in die Dunkelheit, in Abgründe und Schluchten, bis er eine Stimme hörte, die aus den Schatten zu ihm sprach: „Was treibt dich, großen Jäger, in diese Tiefen, wo nur Nachtschwarze und edderkopper leben?"

Und so antwortete Er-Ist: „Die meine, Sie-Ist, die mir in allen Dingen gleich ist, ist schwer mit Kind. Ich jage nun alles Übel in den Landen, zerschlage alle Feinde die ich finde, damit Sie sicher ist.“

„Die dir in allem gleich ist?“ fragte die Stimme. „Warum aber jagst du dann alleine? Sollte sie nicht an deiner Seite stehen, gleich in allen Dingen?“

Und so säte die Mochûla, deren Name Stimme Süßgrass war, Zweifel. Er-Ist war ein starker Jäger, ja, aber selbst der stärkste Jäger ist schwach wenn er alleine ist. Und Er hatte ein starkes Herz, ja, aber selbst das stärkste Herz ist Nährboden für Übel, wenn es einsam ist.

Die Stimme Süßgrass war mächtig, und schnell schaffte sie es den Willen von Er-Ist zu brechen. Er-Ist wollte nicht alleine sein, so nähre sie die Furcht das das Kind-Im-Bauch Sie-Ist stehlen würde. Er-ist brauchte eine, die im in allem gleich ist, so warnte sie, das das Kind-Im-Bauch Sie-Ist verändern würde. Bis die Stimme Süßgrass ihn völlig vergiftet hatte, sodass er sich entschloss, Sie-Ist zu schlagen, damit, wenn Sie-ist Er-Ist nicht völlig gleich sein konnte, Er Sie wenigsten unter sich hatte, wo sie sicher und seine sein sollte.

Doch Er-Ist war nicht dumm, auch wenn Er nicht weise war. Er wusste das Er nicht gegen Sie-Ist gewinnen würde, da Sie, noch, ihm in fast allen gleich war. Und so wartete Er, bis das Kind-Im-Bauch größer und schwerer wurde, und Sie-ist schwerer und schwächer. So schwach, das Sie-ist nicht kämpfen würde, das Sie-ist sich unterwerfen, und das Kind-Im-Bauch aufgeben würde.“

Bren steht auf, beginnt nervös auf und ab zu gehen. „Habt ihr ich erkannt, den Fehler den Er-ist, und mein Bruder und ich von damals gemein haben? Nehmt euch einen Moment, darüber zu denken. Die erste Lektion ist wichtig, um die zweite zu verstehen.“

„Mein Bruder hatte aufgehört zu rennen. Er hatte ein neues Rudel gefunden, mit ihnen gemeinsam einen Kampf geschlagen, und gewonnen. Sie begannen gemeinsam zu reisen, und mein Bruder stürzte sich eilig in jeden Kampf. Er suchte die Klauen der Feinde, redete sich ein, das er kämpfte damit die seinen nicht kämpfen mussten, stand mal um mal an der Schwelle des Todes, um, so dachte er, die anderen von ihr fern zu halten.“ Ein Seufzer. „Wäre nicht zwei seiner Mitreisenden Bewahrer des Lebens gewesen, und wäre einer davon nicht mächtiger als alle helbreder die wir jemals gesehen hatten, und bis heute sahen, so wären wir sicher an der Torheit meines Bruder gestorben. Aber so war es ihm erlaubt, seine Torheit wieder und wieder zu wiederholen, bis ich es nicht mehr ertrug. Ich wollte nicht für Fremde sterben, nicht mich jene opfern, die weder meinen Namen kannten, noch mich darum gebeten hatten. Aber vor allem wollte ich nicht sterben, um jemanden den Kampf zu stehlen, den er selbst hätte schlagen können. Und so, nachdem wir einen verlorenen Bruder erschlugen, und wir wieder einmal fast starben, weil meine Hälfte alleine kämpfte, machte ich es braha min deutlich, dass wir nun zur unsere Heimat gehen würden, damit auch ich mich wieder finden konnte.“

Bren setzt sich wieder, legt sich halb hin. Etwas schein ihm Ruhe zu geben, aber die Unruhe ist noch nicht ganz gebannt. „Wir nähern uns dem Ende. Hier liegt der zweite Teil der zweiten Lektion versteckt, ebenso wie die Härte der dritten, welche in fast allen sager steckt, und in diesen einmal am Anfang und einmal am Ende liegt.“

„Und so kam der Tag, an dem Sie-Ist, schwer mit Kind und kurz vor dem Wurf, von Er-Ist gefordert wurde. Niemand weiß, was Er-Ist sage, denn niemand, der nah genug stand um seine Worte zu hören, überlebte. Sie alle starben an der Wut und Stärke von Sie-Ist.

Denn Er-Ist hatte Unrecht gehabt. Die Nähe der Geburt schwächte Sie-Ist nicht, sie machte Sie wütender. Sie spürte dass das Kind-Im-Bauch bald auf der Welt wandeln würde, und auch Sie-Ist wollte alle Feinde zerschlagen, damit ihr Kind sicher sein sollte. Und Er-Ist hatte sich zum Feind erklärt.

Ihr Toben war schrecklich, so schrecklich, das Land und Tier vor ihr flohen. Die Erde bebte vor ihrer Wut, der Himmel grollte ihre raseri, und Er-Ist konnte ihr nichts entgegen setzen, und verlor kläglich. Denn wo Er-Ist für Sie kämpfen wollte, kämpfte Er doch nur für sich und seine Angst, und wo Sie kämpfte, kämpfte Sie für das Kind-Im-Bauch, und ihre gemeinsame Zukunft.

So hatte Er-Ist verloren. Nicht nur den Kampf, nein, er hatte alles verloren. Er-Ist war Sie-Ist in nichts mehr gleich, nicht in Stärke, den er war nun schwach, nicht in kjaerlighet, den Sie-Ist hasste ihn, noch war Sie-Ist selbst gleich geblieben. Nach ihrem Kampf war auch von Sie-Ist kaum noch etwas geblieben, denn nun, nach ihrem Sieg, war Sie-Ist nun Sie-Ist-Stärker. Selbst seine Namen verlor er, und so ging er, namenlos, in die Tiefen der Mochûla, verbannt in zu den Nachtschwarzen, verfolgt vom Hohn und Gelächter der Stimme Süßgrass, die alles erreicht hatte, was sie hätte hoffen können.

Denn der Sieg, so groß er auch sein mochte, war bitter für Sie-Ist-Stärker. Auch Sie hatte alles verloren. Ihre Liebe, denn der, der Er-Ist war, war nun einer ihrer Feinde, und alle die ihr Nahe waren, denn sie starben an ihrer schrecklichen Wut. Doch der größte Verlust war das Kind-Im-Bauch. Der Kampf hatte die Kräfte von Sie-Ist-Stärker völlig aufgezehrt, und nichts mehr für ihr Kind gelassen. Und so brachte Sie nur Verlust zur Welt, und Stärke.

Denn die Rache die Sie-Ist-Stärker schwor, war mächtig, und grausam. Niemand ihrer Töchter würde sich jemals unterwerfen lassen, keines sollte Schwäche kennen. Und so verlangte Sie ein Opfer, denn das ist die dritte Lektion, die, die auch Sie-Ist lernte, um Sie-Ist-Stärker zu werden: Keine Stärke ohne Leiden, denn Stärke ist das Überwinden von Leiden. Darum fordert Sie-Ist-Stärker bis heute von ihren Töchtern das Leben ihrer ersten Kinder, so wie Sie ihr erstes Kind verlor, sodass ihre Töchter die Stärke finden, die Sie-Ist damals fand.“

Eine Pause. Bren scheint zu warten bis du seine Geschichte verdaut hast. Er sieht dich fragend an. Kann er weiter erzählen? Einem Moment wartet er noch, und hebt dann wieder an.

„Ein letztes Stück noch, dann ist es vorbei. Keine Sorge, dieses ist voller mit Hoffnung und fryd.“

„Im Norden fanden mein Bruder und ich einander. Es war nicht leicht, nein, aber auch nicht wirklich schwer. Wir waren zwei Hälften, die sich gespalten hatten, und das Hören verlernt hatten. Kaum das man uns unsere Ohren wiedergab, sie begannen wir zu heilen. Wir kämpften, ja, aber wir weinten auch, lachten, schrien, fluchten, tanzten, umarmten, jammerten, klagten, trösteten und wurden getröstet. Wir bluteten unser böses Blut, und spürten wie eine eiternde Wunde zu heilen begann. Denn wir waren zwei Hälften die im vielen Unterschiedlich waren, ja, aber vor allem waren wir zwei die im innersten gleich waren. Ich zeigte meinen Engsten die Lektionen die er vergessen hatte, (auch diese drei), und er gab mir die Ruhe, die ich verlor. Unser Band wurde neu geknüpft, die Schlucht zwischen uns verschwand, und wir begannen wieder, unsere Teile mit uns zu teilen, und gemeinsam, so scheint es, könnten wir gegen alles bestehen. Denn dies ist die erste Lektion, zum dritten Mal versteckt. Spätestens jetzt solltest du sie verstanden haben.“

Ein letzter Moment Ruhe. Bren wartet ob du etwas sagst, die Lektionen teilst, die du gelernt hast, aber du schweigst, hängst vielleicht noch dem einen oder anderen Aspekt der Geschichten nach, die Bren heute mit dir geteilt hat.

Bren schnaubt, und lächelt dann. „Hier sind sie nun, die Lektionen die ich dir zeigte:“

„Die Erste, die wir am Ende lernten, und Er-Ist am Anfang vergas: Der einsame Wolf stirbt. Ohne Gemeinschaft, ohne Rudel, ohne die deinen, bist du schwach, und leichte Beute.“

„Die Zweite, die aus der ersten wächst: Kämpfe für die deinen, ja, aber kämpfe nicht für deine Angst um sie, denn dann kämpft du doch nur für dich, kämpfe für eure gemeinsame Zukunft. Hoffnung verleiht Stärke tausendfach, und Verzweiflung bestenfalls nur einmal.“

„Die dritte, die Sie-ist-Stärker lernte, und die wir alle jeden Tag aufs Neue lernen: Aus Leiden wächst Stärke, denn Stärke heißt Leiden überwinden.“

Bren lässt seine Lektionen kurz sacken, steht dann auf, nickt dir zu, und verzieht sich wieder dahin, wo er hergekommen ist. Seine Geschichte ist vorbei, fürs erste, und deine geht weiter. Mal sehen, welche Lektionen und Legenden er noch darin sieht und schmiedet.

(Hättest du alle drei Lektionen erkannt, und hättest du sie Bren erzählt, und hättest du recht gehabt, so hätte Bren noch einmal seine Fänge gebleckt, halb Lächeln, halb Herausforderung und dir drei Fragen gestellt:

„Aber wären Sie-ist und Er-Ist gute foreldre gewesen, wenn Sie so leicht ein so grausames Opfer von ihren Kindern fordert, und Er so leicht sich von den seinen trennt?“

„Aber was heißt es, das Sie-Ist in ihrer Wut nicht nur ihren Feind erschlug, sondern alle die ihr Nahe waren?“

„Und hat die Stimme Süßgrass wirklich gesiegt? Ja, sie hat einen Diener gewonnen, aber er ist schwach und gebrochen, und sie hat dafür einen schrecklichen Feind gezeugt, dessen Rache sie bis heute verfolgt. “ )

(OT: Hyänen sind eine der wenigen Arten, wo die Weibchen völlig über die Männchen dominieren. Nicht nur im der Hierarchie ihrer Rudel, wo selbst das ranghöchste Männchen unter dem niedrigsten Weibchen steht, sondern auch Körperlich. Sie sind größer, stärker, brutaler, und haben tatsächlich den größeren Penis (oder Pseudopenis). Den Preis den sie für diesen zahlen, ist dafür recht bitter. Da er einen Umbau des Geburtskanals erfordert, ist die erste Geburt äußerst schwierig, da Teile das Fleisches aufreißen müssen, um für das Kind Platz zu machen. Nach der ersten Geburt hat sich das Problem größtenteils gelöst, aber es gibt kaum Fälle, wo das Erstgeborene einer Hyäne diesen Prozess überlebt, so dass das erste Kind einer Hyäne meist eine Totgeburt ist.)

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Schabernack in den Wanten
(aus Hinnerks Klamaukkiste, erzählt in der einen Grautanner Taverne da, weißt schon)


„Jo, da haben wir richtig auf den Putz gehaun, haha. Prost! Aber ich sachs dir Andrasch, in diesen Herzwald, da kriegen mich keine zehn Pferde wieder rein. Die Götter habn dieses Gestrüpp als Ort für magische Wesen geschaffn und meinetwegen können die da auch verflucht nochmal bleiben! Wir Normalsterbliche müssn uns da garnich einmischen, mit den ganzen Druiden und Baumgeistern und Einhörnern und Orks … Klar Andrasch, wenn du nich mindestens hundert von denen vermöbelt hättest wären wa dran gewesen. Dann Orks vielleicht nich, aber solche Wesen wie die Flatterfee und ihre ganze Sippschaft können mir gestohln bleiben. … Ob wir sowas in Havena nicht haben? Ha, von denen bleiben die meisten zum Glück deutlich unterm Meeresspiegel, oder in Albernien. Einzig und allein Klabautermänner segeln bei einer Fahrt mit und selbst denen sollte man lieber aus dem Weg gehen. … So nervtötend wie Glimmer könn die garnicht sein? Na dann lass mich dir ma was erzähln.
Kennste bestimmt garnich, Klaubautermänner. Schiffsgeister sind das, die auf ihr Zuhause aus Planken und Teer aufpassen indem se die Mannschaft warnen, falls was mit dem Schiff nich stimmt. Jedes Schiff hat einen, sagt man jedenfalls. Zu Gesicht bekommste die eigentlich nie. Und das is auch besser so, denn wenn du‘s dir einmal mit einem verscherzt hast wirst de deines Lebens nich mehr froh, wirst de echt nich. Da hilft nur noch so schnell wie möglich von Bord zu gehen. Geht nur schlecht, wenn die Küste 10 Meilen entfernt is. Einmal hatte mich einer aufm Kieker, auf ner Fahrt von Kuslik nach Havena. Einfachste Strecke die du segeln kannst, es hätt ne hübsche, ruhige Handelsmission sein können. Aber der Klabautermann war da wohl andrer Meinung. Nichmal ne Stunde nachdem wir Kuslik verlassen hattn sollte ich nach der Ladung schaun. Der Käpitan meinte er würde was poltern hörn und ich sollte mal prüfen ob sich was von der Fracht gelöst hätte. Wollte ihm noch erklärn dass ich die Knoten eigenhändig geknüpft hab, aber das interessiert ja nie jemand. Bin also runter in den Laderaum. Wir hatten hauptsächlich Getreide und sowas geladen. Hab ja schon gesagt, es wär ne einfache Handelsfahrt gewesen. Ich schau mich also um, aber alles is an seinem Platz. Ich zuck mit den Schultern, geh aber noch zu einem der Getreidesäcke hin, sicher is eben sicher. Da ruckt der Kahn plötzlich, ich stolper und falle mit voller Wucht auf den Sack drauf. Der hatte daraufhin nix besseres zu tun als aufzuplatzen. Überall Getreide, ich am husten und fluchen wie ein Weltmeister. Hab mir danach noch tagelang Halme aus Haaren und Kleidung zupfen dürfen. Und natürlich durft ich den ganzen Möwenmist auch wieder aufräumen, alleine. Ne Scheiß-Arbeit war das. Hab dabei aber immerhin gesehen, dass tatsächlich ein paar Knoten kurz vorm aufgehen waren. Natürlich nich meine, die saßen wie zugeteert. …
So schlimm wär das doch garnet? Jaha, wenns dabei geblieben wär! Der Klabautermann war ja noch lange nich fertig mit mir. Später wollt ich mir in meiner Hängematte ne Mütze Schlaf gönnen, was nich einfach war weil ich immernoch überall Halme fand. Trotzdem war ich schon fast eingenickt, da kassier ich aus dem Nichts eine Ohrfeige. Ich versuch sofort mich zu verteidigen, schaffs aber nur aus der Hängematte aufs Deck unter mir zu Plumpsen, direkt neben Yost der unter mir schon am Schlafen war. Yost wacht auch garnich erst auf, der würd selbst dann weiterpennen was das Schiff am Untergehen wär. Ich will mich grad aufrappeln, da dreht er sich plötzlich und rollt auf mich drauf. Es war als hätt sich ein Wal auf mich gerollt. … Ne, sogar noch schlimmer als wenn du dich auf mich gerollt hättest. Ich musste alle Kraft aufwenden um mich irgendwie unter ihm hervorzuziehn und dem sicheren Erstickungstod zu entgehen. Das wär dann ja wohl doch ein zu unrühmliches Ende gewesen. Als ich mich endlich von Yost befreit hatte war auch kein Angreifer mehr in Sicht und nach der Nahtoderfahrung war an Schlaf natürlich auch nich mehr zu Denken.
Aber am nächsten Tag kam erst die Krönung. Wir hatten Segel gesetzt, und da der Kurs von da an einfach war gab es nich viel zu tun. Also meinte einer der mir eher unbekannten Männer doch tatsächlich mich zu einem Wettklettern herausfordern zu müssn. Wers zuerst ins Krähennest schafft, kennt man ja. War natürlich ne dämliche Idee, hätt er mich besser gekannt wär ihm klar gewesen dass er da gegen Hinnerk Sandström kein Land sieht, haha. Wir schwingen uns also beide in die Wanten, er Backbord und ich Steuerbord. Als ich schon fast am Ziel war und jubeln wollte reißt plötzlich das Seil nach dem ich greife. Prompt verlier ich meinen Halt und fall den gesamten Weg aufs Deck, voll auf den Hosenboden. Sitzen ging danach für n paar Tage nichtmehr. … Aye, hätten wir Stühle an Bord gehabt wär die Mannschaft wahrscheinlich genauso lachend vom Stuhl gefallen wie du. Als Sonya mir von Lachern geschüttelt aufmuntern auf die Schulter klopfen wollte, wär ich auch noch fast von Bord gefallen. Da haben sie dann natürlich noch mehr geschrien. In dem ganzen Gejohle und Gepruste hab ich aber auch garantiert ein hämisches Kichern gehört, zu dem keiner der Kerle fähig gewesen wär. Naja, immerhin hatten wir so rausgefunden wie uralt einige der Taue warn und konnten die ersetzen. Aber ich sach dir, mit Klabautern is nich gut Matjes essen, wirklich nich. Ich weiß bis heute nich womit ich das verdient hatte. … Ob es nich wichtig gewesen wär die Ladung zu sichern und die Seile zu ersetzen? Na klar war‘s das, solche Sachen sind haigefährlich! Bei Sturm fällt dir sonst vielleicht der Mast auf den Kopf, oder die lose Ladung bringt das ganze Schiff zum Kentern! Aber dafür muss man mich ja nich fast umbringen und gleichzeitig zum Gespött der Mannschaft machn. Dieses Schiff hab ich nie wieder betretn und Yost zieht mich heut noch damit auf. Warum is dieser Krug hier eigentlich schon wieder leer? He Ben, wir brauchen Nachschub!"

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Amariels Lied

Wir sind schon ein paar Tage im Herzwald und dieser Abend ist wie jeder davor auch. Wir suchen trockenes gestorbenes Holz, graben eine Grube für das Feuer, essen gemeinsam etwas und alle bis auf die erste Wache legen sich schlafen. Amariels Gedanken schweifen immer wieder Richtung Heimat. Obwohl der Herzwald ganz verschieden ist von den Salamandersteinen weckt er doch Erinnerungen. Sie hatte die Geräusche und den Geruch des Waldes und noch so viel mehr vermisst. Mehr als sie bis jetzt gemerkt hat. Unbewusst greift sie nach ihrer Flöte.

Alle liegen eingemummelt in ihren Schlafsäcken als ein einzelner Ton erklingt. Er wirkt schüchtern, als ob der Spieler nicht ganz wüsste wie er anzufangen hat. Weitere Töne folgen und eine Melodie bildet sich. Für euch klingt sie ausgelassen, fröhlich, wie ein Besuch in der Taverne mit euren Gefährten, ein Sprung in die Vergangenheit. Der ferne Ruf eines Grünspechts klingt genau wie das Lachen eures engsten Freundes. Ihr kommt nicht umhin, genau an solche Momente zu denken, sie noch einmal in diesem Moment zu erleben.

Die Töne werden leidenschaftlicher, schneller, sich umspielend. Bilder von Geliebten blitzen auf. Flüchtige Küsse, besondere Nächte.

Plötzliche Stille. Zaghafte Töne, die nicht wissen wie sie klingen sollen. Sorge liegt in ihnen, Unwissenheit. Die Melodie wird chaotisch, verzweifelt, traurig. Ein einzelner schriller Ton durchdringt die Nacht, er schreit von Verlust.

Wieder Stille. Sie umgibt euch, zieht euch in ihren Bann, lässt euch nicht mehr los. Sie versucht euch zu ertränken, bis ein einzelner Satz ertönt: Fae’e a’dao aria. Er zieht euch empor, befreit euch. Einzelne Töne erklingen wieder. Erst zaghaft, dann mit immer mehr Kraft und Freude.

Mit gemischten Gefühlen fallt ihr in einen traumvollen Schlaf.

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Nachts sind alle Schiffe grau

(aus Hinnerks Klamaukkiste, erzählt am nächtlichen Lagerfeuer)

Ob wir auch Feuer an Bord haben willste wissen? Sicher, wenn der Koch einen guten Tag hat, haha. Aber so offenes Feuer wie hier, nee, so lebensmüde sind wir nicht. Wenn dich nur ein paar Planken von Efferds Reich trennen passt sogar der blödeste Alrik beim Laternenanzünden auf. Mehr brennt Nachts auch nich. Wenn du keine Decke mehr abgekriegt hast darfst du entweder frieren oder Kuscheln, harhar. Aber wo wir gerade bei Laternen waren…
Eines Nachts musste unser Schiff draußen auf See ankern. Doldrum hatte unsere Segel hängen lassen und so waren wir längst nicht soweit gekommen wie geplant. Weil unser Kahn aber immerhin auch Ruder hatte waren wir nicht gänzlich aufgeschmissen. Jetzt lagen die meisten von uns völlig erschöpft in ihren Hängematten oder unter Deck. Mich Schiffsjungen hatte man in den Ausguck gesteckt. Ich sollte im Notfall Alarm schlagen, genau wie Fo und Bo unten an Deck, die sich auch vorm Rudern gedrückt hatten. Nicht dass wir viel gesehen hätten, in dieser Nacht der toten Mada spendeten einzig und allein unsere Positionslaternen an Bug und Heck etwas Licht. Die Dinger brennen damit man nich von irgendwelchen riesigen Kriegsgaleeren gerammt wird, oder anderen Schiffen die es sich leisten können in völliger Dunkelheit zu segeln. Aber unserem Käptn war natürlich auch klar, dass das Licht auch zwielichtigren Dreck anlocken kann, und so hockte ich im Ausguck, versuchte meine Finger warm und meine Augen offen zu halten. Ich hatte mich schon fast entschieden den Beiden unten die Wache zu überlassen und ein kleines Nickerchen zu machen, da tauchte doch tatsächlich ne Positionslaterne aus der Dunkelheit auf. Das zugehörige Schiff war zwar wohl noch sehr weit weg, schien aber stetig auf uns Kurs zu halten. Ich dachte mir erst nichts dabei, vielleicht hatten sie uns auch grade erst gesehen und würden noch beidrehen. Doch das Licht bewegte sich einfach weiter auf uns zu. Fast schon zu spät kapierte ich endlich. Die Positionslampe des anderen Schiffs hing garnicht am Bug des Schiffes. Von den Bewegungen her musste sie am höchsten Mast des Schiffes hängen, ÜBER mir. Was bedeutete, dass unser Gegenüber schon VIEL näher war als gedacht. Endlich erinnerte ich mich was eigentlich meine Aufgabe war. „AUFWACHEN, ALLE AUFWACHEN! DIE WOLLEN UNS RAMMEN!“, schrie ich. Noch bevor Fo oder Bo unten wirklich reagieren konnten war Käptn Rogan schon an Deck und hatte zu unser aller Glück die Lage direkt erfasst. „AN DIE RUDER IHR MADEN, WENN EUCH EUER LEBEN LIEB IST!“, tönte seine Stimme und scheuchte auch noch den letzten an seinen Platz. Anker wurden gelichtet, Ruder ins Wasser gelassen. Aber selbst so ein wendiges Schiff wie die Wellenläuferin dreht aus dem Stand unendlich langsam. Ich saß derweil immernoch im Ausguck und konnte nur gebannt auf das Licht der langsam näher kommenden Laterne schauen. Mittlerweile war sie tatsächlich höher als ich und kam immer schneller näher. Wo der Bug ihres Schiffes war war nich abzusehen. Aber ihr Licht war irgendwie seltsam, fast als würde es nicht von einem Feuer stammen. Endlich bewegte sich das Schiff unter mir, die Planken knarrten ob der groben Behandlung. Wie als Antwort ertönte aus dem Dunkel vor uns ein ungleich dumpferes, lauteres Knarzen wie von tausend im Wind heulenden Bäumen. Es ließ mich in meinem innersten Erzittern. Rogan befahl noch uns in die Riemen zu legen, doch die Mannschaft ruderte sowieso schon wie verrückt. Endlich hatte die Wellenläuferin sich gedreht und kam in Fahrt. Wellen wie von einem Sturm begannen gegen unser Backbord zu schlagen. Und dann konnte ich im Schein der Sterne eine Wand auf uns zurasen sehen. Aus uraltem Holz gemacht kam sie immer näher, schien uns erdrücken zu wollen. Noch dreißig Meter, dann noch zwanzig. Unsere Wellenläuferin hüpfte verzweifelt über die Wellen, bemühte sich der unaufhaltsamen Mauer zu entrinnen. Fünzehn Meter, dann zehn. Ich kauerte in meinem Krähennest und bat nur noch Efferd und alle zwölf Götter um Beistand im Angesicht sicheren Verderbens. Fünf Meter, und dann … wurden es wieder mehr. Schließlich höhrte die Mannschaft mit Rudern auf. Stumm starrten wir auf das Schauspiel vor uns. Dort zog eine riesige Wand vorbei, aus Holzplanken größer als Bäume, verkleidet mit Seetang und Seepocken. Man hätte es für die Seite eines Schiffes halten können, doch ein Ende der Wand war nicht abzusehen. In unserem kleinen Lichtkegel dehnte sie sich unendlich in alle Richtungen aus. Das Licht der Positionslaterne war schon lange nicht mehr zu sehen. Ich weiß nicht wie lange wir dort saßen und auf ein Ende warteten. Vielleicht eine Ewigkeit oder länger. Doch irgendwann war es vorbei und mit einem letzten Knarzen verschwand die Wand in der Dunkelheit. Als Praios Licht uns schlussendlich begrüßte, lag das Meer wieder spiegelglatt vor uns, als wäre nie etwas geschehen. Später erzählte mir Rogan, dass das Ungetüm dem wir begegnet waren das Riesenschiff genannt wird. Zu unserem Glück waren wir wohl seiner Aufmerksamkeit nicht wert gewesen.

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Ritter des Meeres
(aus Hinnerks Klamaukkiste, erzählt in ner LandeierKneipe)

“Hah, eure Ritter sind ja schön und gut, aber haben sie schon jemals gegen einen Ritter der Meere gekämpft? Wie, ihr wisst nicht was die Ritter der Meere sind? Vermaledeite Landeier. Wahrscheinlich wisst ihr nichmal was Krabben sind. Findste an jedem Strand der Westküste die Dinger. Kleine Tierchen sind das, passen so in meine Hand. Haben so nen Runden Körper, so 6 Beinchen und vorn zwei Klauenhände mit denen sie dich in den Allerwertesten zwicken wenn du nicht aufpasst, haha. Und komplett in harter Schale sind die gekleidet, kannste nichtmal ausversehen kaputttreten.
Auf jeden Fall, wir warn damals mit ner Händlerkarracke unterwegs nach Kuslik und hatten vor ner Insel geankert, weil die Bilgepumpe hinüber war und der Knauser von Käpt’n kein Reperaturholz geladen hatte. Mussten wir also auf der Insel n paar Bäume fällen. Ich hatt mich am Strand auf nen Felsen gesetzt um mir mit meiner Ration ne wohlverdiente Pause zu gönnen. Und wie ich da so saß fing der Stein unter mir plötzlich an sich zu bewegen! Ich natürlich sofort runter da und Säbel gezückt. Der Fels weiter am Rumoren, und dann fängt der doch tatsächlich an sich selbst auszubuddeln! Genau, ne Krabbe wars, aber was ein Riesending. Bestimmt drei Schritt groß und etliche breiter. Allein mit den Beinen hätt die dich aufspießen können! Und die Klauen erst, richtige Riesenscheren waren das! Könnten dir glatt den Kopf vom Rumpf trennen sag ich dir. Und das Ungetüm schien garnicht gut aufgelegt zu sein. Vielleicht hatte ich seinen Schönheitsschlaf gestört oder so. Auf mich losgegangen ists und hat mit seinen Scheren bedrohlich geschnappt, so ungefähr, schnappschnapp. Wollt mir wohl Angst einjagen, aber da hatte es sich gewaltig vertan. Ich hab garnicht lang gewartet und direkt nen Angriff gestartet. Nur hat mein guter Säbel auf dem Panzer nichtmal ne Delle hinterlassen. Das Ding war härter als Efferds Dickschädel, ich sags dir! Heißen nicht umsonst Ritter der Meere, da geht nix durch. Und da steckt ich nun inner Klemme, denn jetzt musste ich mich mit nur einem Säbel gegen zwei riesige Klauen erwehren. Mit ner Wucht hat das Monstrum seine Schwerthände geschwungen, ich konntse kaum abwehren. Eins, zwei, eins, zwei, so ging das. Aber das Vieh hatte mich unterschätzt. Beim nächsten Hieb hab ich die Lücke in seinen Angriffen gefunden und zack! Eine der Scheren am Gelenk abgehackt. Die Gelenke sind nämlich die Schwachpunkte in der Panzerung, ist ja klar. Hab mir die dann direkt geschnappt, die Scherenhand. So standen wir uns dann gegenüber, jeder ein Schwert in der Hand quasi. “Wie wärs jetzt mit nem fairen Kampf?!” hab ich gebrüllt, aber da hat die Angstkrabbe schon abgedreht und ist ins Meer gerannt. War auch besser so für sie. Mit Hinnerk Sandström legt man sich eben nich an, auch nicht als Ritter der Meere.
Wie, was ich mit der Klaue gemacht hab? Na geknackt und gegessen natürlich. Krabbenfleisch ist richtig zubereitet ein echter Geheimtipp."

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Von Sieg, Sand und Blut

Musik!

Ich versuche aufzustehen, benommen von dem Schlag an unserem Kopf. Die Sonne steht tief, und der Sand unter unseren Füßen ist rot und feucht von dem Blut der Kämpfer vor uns, gibt kaum halt. Ehe wir es schaffen uns aufzurichten, wirft ein Triff uns wieder um.
„Maqatl? Aldhib? Ha!” Der Kämpfer dreht sich zum Publikum, fordert. Die Leute johlen und brüllen, zollen ihn mit ihren Schreien und Geifer Tribut. Die Arena ist voll mit ihnen, mehr Menschen als ich jemals in meinem Leben sah. Ihr Gestank verpestet die Luft, quält meine Lunge. Die Hitze macht es noch unerträglicher, raubt mir Kraft und Atem. Kaum das ich nur ein Fetzen meiner Kräfte gesammelt habe, ist meine Gnadenpause vorbei. Der Kämpfer dreht sich wieder zu uns – Nein, zu MIR – und höhnt. „Alhusul ealaa ma yasla! Walkafaha!“
Ich verstehen die Sprache nicht, aber was er sagt ist klar. „Schwächling. Steh auf und kämpfe.“ Ich stehe auf, und kämpfe. Und verliere.

Er verliert.
Der Schwächling verliert und ich übernehme, schiebe ihn in die Schwärze. Der andere lässt sich feiern, glaubt schon gewonnen zu haben. Ich richte mich auf. Die Vielen jubeln, und halten inne. Stille breitet sich aus. Alle Augen ruhen auf uns, unserer Verwandlung. Ich lasse mir Zeit, genieße die Angst in ihren Augen. Mein Fell sprießt, seine Knochen knacken, brechen sich damit meine Platz haben. Ich grinse, zeige meine Fänge. Unsere Gestalt thront über dem Kämpfer, halb Wolf und halb Mensch. Der Gestank von Angstschweiß vermischt sich mit dem süßen Geruch des Blutes, lockt mich. Ich schaffe es noch einen Moment mich zurück zu halten, einen Moment zu genießen, dann stürze ich mich auf ihn.
Der Kampf dauert nicht lange, länger als er eigentlich sollte, aber ich kann es nicht lassen mit meiner Beute zu spielen. Wieder und wieder reiß ich in um, und lass ihn mit ein paar blutigen Wunden mehr laufen. Die Vielen jubeln jetzt für mich, feiern meine Aufführung. Ich bin hin und her gerissen, ob es mich nervt, mein Spiel teilen zu müssen, oder ob ich es genieße, nach Monaten der Stille wieder gesehen, gehört zu werden. Doch als das Knacken eines gebrochenen Knochen vom der Begeisterung des Publikums fast übertönt wird, entschiede ich mich. Als ich den nächsten Knochen breche, ertönt mit ihrem Geschrei mein Siegesgeheul.

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Wir wachen auf, schweißgebadet, mit Fängen statt Zähnen. Alles drängt, aufzuspringen, zu kämpfen, doch Stille umgibt uns. Langsam, beruhigen wir uns, lauschen dem Atem der unseren. Es ist ruhig, alle schlafen, nur Hinnerk hält Wache und Irion wälzt sich unruhig umher. Seitdem er verletzt ist, träumen wir gemeinsame Träume von den Tagen als wir Einer-und-Ein-Anderer waren. Ob Bren sie mir zeigt um sich zu erklären? Ob es Alpträume sind, die ihn verfolgen, weil ich uns schuldig fühle? Ob ich sie ihm zeige, damit er sich mir erklärt? Ich weiß es nicht, wir schweigen uns an.
Irion ächzt und wimmert im Schlaf, und sein Leiden folgt uns in den nächsten Traum.
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Wir träumen von Fieber, von Krankheit. Mein Bruder wird vom Traum verschlungen, vergisst das er schläft. Ich sehe zu wie er wimmert und winselt, doch wir wachen nicht auf. Ist es sein Mitleid das uns diese Tage noch einmal durchleiden lässt?

Sie bewarfen uns mit Pulvern um mich zu rufen, und mit Pulvern um mich zu vertreiben. Zu oft in zu kurzer Zeit, und unser Körper wurde schwach und heiß, hielt meinen Bruder in Fieberträumen gefangen. Ich half ihm nicht, ließ ihn einsam leiden, genoss „meine Rache“. Er hatte mich, kaum dass ich ihn fand, in seinem Geist allein gelassen, hörte meine Rufe nicht, hatte sich in seinem Verlust verloren und mich verdrängt. Und jetzt konnte ich ihn alleine lassen, sein Betteln ignorieren.
Ich beobachte meinen Bruder gefangen in Träumen, beobachte mein vergangenes Ich, und… schäme mich? Ja, tatsächlich, Scham breitet sich in mir aus, Reue, dass ich meinen Engsten so alleine gelassen hatte. Während ich die Tage in Kampf und Schlacht, in Blut und Mord feierte, jagten ihn nachts die Geister seines Rudels, hielten ihn in Ketten gefangen wo ich frei zum toben und töten war. Tag um Tag brach ich Knochen die er heilen musste, zerfleischte Körper die er wieder ausspuckte, Jahr um Jahr wuchs ich während er verkümmerte, wurde es immer mehr mein Körper, den ich ihm lieh damit er sich darum kümmerte.
Der Traum ließ die Jahre verfließen, schwemmte uns durch die alten Leiden, den alten Hass. Ich sah mir zu wie ich meine Hälfte mehr und mehr vernichtete, wie immer er immer weniger präsent wurde. Ich musste erleben wie meine Rache ihn schließlich eines Tages gänzlich aus unserem Geist vertrieb, ihn endgültig in die Schwärze band, die mich einst gefangen hielt. Ich spürte noch einmal die Einsamkeit, die ich damals für Sieg hielt, beobachte meinen Hochmut, und begann mich auf meinen Fall zu freuen.

Die letzten Tage unserer Gefangenschaft verbrachte ich als Zwischenwesen, halb und halb, genoss den Körper den ich als „Beute“ ihm abgerungen hatte. Ihre Pulver konnten mich nicht mehr vertreiben, zu fest war mein Griff. Ich feierte die Schlachtfeste, die Ekstase des Blutes, zerfleischte alle die sie mir zum Fraß vorwarfen. Mein Fell wurde rot, das Blut das ich Tag um Tag vergoss wurde Teil von mir.

Der letzten Tag selbst war fast wie jeder andere Tag, aber mit kleinen Unterschieden die alles veränderten. Wie jeden Tag bewarfen sie mich mit Pulver ehe sie mich zum Kampf brachten, aber anders als sonst brachte es mein Blut nicht in Wallung, sondern machte mich schwach, müde, wie jeden Tag brachten sie mich in Ketten in die Arena, aber dieses Mal lösten sie sie nicht, sondern hielten sie fest, zwangen mich in die Knie als der Kämpfer die Arena betrat. Ein Kämpfer, anders als alle zuvor. Kein Mensch stand vor mir, sondern ein Wesen aus Metall. Kein Stück Fleisch war zu sehen, eine umschließende Maske verbarg sein Gesicht, zeigte nur die Fratze eines Löwen in Gold, sein Körper war in weißen Stahl gehüllt, verziert mit noch mehr Gold, seine Arme in geschmiedete Pranken mit Klauen aus Eisen. Die Sonne ließ es erstrahlen, machte es fast unmöglich es anzusehen.
Das Publikum jubelte, nicht für mich, sondern für dieses fast göttliche Wesen. Damals war ich blind und taub für das Schauspiel, aber heute, nach Jahren unter Menschen, wenn ich noch einmal die Szene erlebe, mich gebeugt, wild, Fangzähne bleckend und noch mit getrockneten Blut beschmutzt sehe, und daneben die Statue aus Gold und Stahl, glänzen in der Sonne, und unmenschlich starr, verstehe ich warum ich diesen Kampf nicht gewinne durfte.
„Seht her“, schien die Szene zu sagen. „Seht her und staunt. Es ist ein Übel in dieser Welt, eine Bestie in Menschengestalt, ein Schandfleck auf unserer Herrlichkeit. Es hat alle die sich ihm entgegengestellt haben vernichtet, alle menschlichen Kämpfer zerfleischt, hat in Blut gefeiert und in Hass getanzt. Aber wo ihr schwach sind, gibt es die Starken, die aus Gold und Stahl einen prachtvollen Gott geschmiedet haben, die das Übel zerschlagen werden, die euch schützen, und denen ihr dienen sollt, weil sie besser sind.“

Wie furchtbar es für sie gewesen sein muss, als mein Bruder ihren Gott in Stücke riss.

Mein Anteil an Kampf war kurz und erbärmlich. Ihr Pulver machte mich träge, mein Körper schwach und kalt, die Ketten unendlich schwer. Ich taumelte mehr als dass ich tanzte, und obwohl das Wesen sich nur langsam bewegte, konnte ich mich kaum wehren, oder auch nur ausweichen. Der Kampf hätte nicht lange dauern sollen, doch es ließ sich Zeit, verpasste mir nur leichte Schnitte ehe es mich wieder fliehen ließ, macht aus meinem Tod eine Aufführung, ein Ritual. Mein Blut wurde über die Arena verteilt, benetzte den Sand und Staub, ließ meinen Stand noch unsicherer werden. Ein Hieb, ich gehe zu Boden, schaffe es nicht mich aufzurappeln. Das Wesen thront über mir, seine Maske kalt, und mir wird immer kälter und das Meer ruft. Ich spüre noch wie es seinen Fuß auf meine Brust presst, wie meine Knochen langsam nachgeben, und ich sehe schwarz.
Und dann rot.

Was folgt sind Fetzten. Pranken, die stählerne Arme biegen. Jubel, der zu Stille wird. Stille, die Schreien platzt macht. Ein Sprung, der eine eiserne Mauer umreißt. Ein Gott aus Stahl der unter uns liegt. Eine Löwenmaske, die Augen voller Angst verbirgt. Fänge, die sich erst in hartes Gold, und dann in weiches Fleisch bohren. Blinde Wut, die Wahrheit zeigt. Ein Mensch, der sich als Gott verkleidet. Ein Gott, mit Blut besudelt, zerbrochen. Ein Übel in der Welt, das Götter frisst. Sieg. Sand und Blut. Ketten und Kämpfen. Feinde um uns, Feinde in uns. Niederlage. Schwarz das das Rot verschlingt.
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Als wir aufwachen, sind wir wieder in unserem Lager. Wir hören wie Hinnerk Vivi weckt, sie leise Worte wechseln. Irion wälzt sich weiter umher, Amariel atmet fast unhörbar.
„Bruder.“ Wir müssen reden. Das Schweigen macht uns nur schwächer. Wir müssen uns wieder zuhören. Erneut rufe ich. „Bruder.“ Ich lasse Bren zu mir, wir sehen uns an. „Was geschehen ist…“ „ ist geschehen. Was ich damals getan habe, war Strafe für was ich damals tat. Aber was jetzt passiert ist, war anders.“ Wir schweigen einen Moment, geben mir Zeit mich zu sammeln. Ich spüre wie Bren anhebt, gebe ihm unsere Lungen damit er Seufzen kann. „Als ich merkte wie du die Sinne verlorst, übernahm ich. Doch als ich in unserem Körper war, waren die unseren nicht da. Um ums waren nur Feinde, und der Geruch von Sand und Blut lag ihn der Luft. Ich riss den ersten und begann…
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(Tayrach ist der blinde Gott der Wut und der Wahrheit. Er war der einzige, der als die nachtschwarze Spinne die Götter blendete, ihr wahres Übel erkannte. Er zerschlug ihre Fäden, und verbannte sie in die Tiefen, zusammen mit ihrer Brut, den Mochûla, die sie in den warmen Ländern als Dämonen kennen. Sein Geschenk ist der Blutrausch, der uns die Kraft gibt, alles verblendente zu zerschmettern, und alle Mochûla zu vernichten, vor allem aber alle Lügen zu offenbaren. Was heißt es nun, dass wir im Rausch fast die unseren erschlagen haben? Ist es Strafe, das wir von dem Mochûla in dem Tempel der Baronin flohen? Ist es die Wahrheit, das wir nichtmehr für ein Rudel geschaffen sind? Wir sind schwach, haben lange unseren Auftrag vergessen, verdrängt. Wir kämpften nicht für die Götter oder die Welt, nicht einmal für unsere Brüder Wölfe, sondern nur für die unseren. Wir hoffen das es nur eine Warnung war, werden uns dieses mal nicht vom Kampf gegen das Übel ablenken lassen. Wir werden weitere Kämpfer suchen, weitere Rudel die gegen das Übel vorziehen. Den Alpha der Kämpfer, Vivi’s Mantler, den Brenchi der Schlange, Minathriel, den Hüter des Waldes, die Kinder des Barons, alle die willig sind zu hören. Wir haben uns viel von den Göttern hier erzählen lassen, es ist Zeit das wir ihnen von unseren Dämonen erzählen. Vielleicht vergibt Tayrach uns, wenn wir mit unseren Rudel gegen das Übel selbst kämpfen, vielleicht wenn wir mehr Kämpfer auf seine Seite ziehen. Vielleicht müssen wir nicht auch dieses Rudel verlieren.

Aber vielleicht haben wir unsere Chance verloren, als wir unser erstes Rudel verloren, ohne mit ihm zu kämpfen. Vielleicht ist alles was uns bleibt, der Kampf gegen das Übel, und Tod im Nebel. Denn im Traum war unser Name Nebelzunge, und an unseren Händen klebt das Blut unseres Rudels.)

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Der Schlangenberg - In Charyptoroth's Schoß

Die Helden konnten es immer noch nicht glauben – sie hatten tatsächlich etwas brauchbares in den Höhlen, verborgen mitten im Herzwald, gefunden. Einen Geist! Torkin schaute an sich hinunter, die Rüstung passte. Er war es gewohnt zwei Seelen in einem Körper zu beherbergen, doch zu dritt wurde es zugegebenermaßen ein wenig eng. Der Geliebte Argelias hatte ihnen einen Pakt angeboten – er wollte sie begleiten und Ihnen helfen, bei was auch immer da kommen mochte, und dafür sollten die Helden ihn zu seiner Geliebten bringen, damit er Erlösung finden könnte. Dafür war es allerdings unabdinglich gewesen die Rüstung mit zu nehmen, an die er gebunden war. Die Helden hatten die Rüstungsteile Stück für Stück durch den Tümpel gezogen und schließlich tatsächlich genug beisammen gehabt, damit der Geist darin mitkommen konnte. Sie waren den sandigen Gang bis zu den Ruinen zurück gegangen und stritten sich grade an einer Biegung über den richtigen Rückweg.

“Ihr Holzköpfe! Natürlich geht es hier lang zurück – seht ihr nicht unsere Spuren im Sand!?” postulierte Vivi.

“Das sind Orkspuren” stellte Torkin sachlich fest.

“Wir gehen jetzt hier lang”, verlangte Hinnerk, “ich habe ein gutes Gefühl bei diesem Gang.”

Andrasch lachte:
“Wenn ihr in diesen Gang wollt, dann sollten wir in die entgegengesetzte Richtung gehen! Wart ihr nicht derjenige, der sich über 200 Meilen weit ‘verlaufen’ hat?”

Hinnerk wollte grade zu einer schlagkräftigen Erwiderung ansetzen da brummte Torkin:
“Hier. Das sind unsere Spuren” und er ging in den Gang, auf den Niemand von Ihnen gezeigt hatte.
Es dauerte nicht lange bis die Helden wieder an den See kamen, der die erste Höhle ausgefüllt hatte. Ihre Fackeln waren fast niedergebrannt, und sie waren sich nicht sicher ob es nur daran lag, aber irgendwie schien das Wasser dunkler geworden zu sein. Hinnerk zurrte das Seil los, mit dem die Acht das Boot befestigt hatten.
Darf ich die Herrschaften zu einer Fahrt in unser Luxusklasse einladen?
Amariell und Martellus stiegen ein. Andrasch guckte leidend: “Wenn ich das meinem alten Ohm erzähle.”
Hinnerk rollte mit den Augen: “Du hast Drachen und Erzdämonen besiegt, da wirst du jetzt doch nicht vor einer kleinen Bootsfahrt Angst haben, oder?
Natürlich nicht.”, Andrasch kletterte vorsichtig ins Boot. “Ich sag ja nur: Wasser ist böse – ich hab das im Urin!

Athovar, der stets schweigsame Begleiter Martellus’, wollte auch dazu steigen, doch Hinnerk hielt in zurück. “Mehr Leute passen nichts ins Boot. Ich muss ohnehin mehrmals fahren.
Ist schon okay Athovar, ist ja nicht weit.”, beruhigte Martelus seinen stets besorgten Freund.
Hrmpf.” Athovar nickte und setzte sich im Schneidersitz an den Strand. “Beeilt euch.

Hinnerk schnappte sich die Ruder und setze sich an die Spitze. “Keine Sorge, es dauert nicht lange.
Er drückte sich vom Ufer ab. Und mit zwei kräftigten Ruderschlägen begann die Überfahrt. Plötzlich hielt er inne. Ungläubig blickte er auf die Wasseroberfläche, die nur unzureichend von ihren Fackeln beschienen wurde. Das Wasser hatte begonnen sich zu kräuseln. Nur ganz sanft, doch Hinnerk wusste die Zeichen Efferds zu deuten, und obwohl er nicht wusste was passieren würde, er war sich sicher es würde bald passieren. Er ruderte was das Zeug hielt.
He! He langsamer!” protestierte Andrasch. Doch Hinnerk beschleunigte weiter. Auch Amariel schien bemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte und Martellus hatte bemerkt, dass die anderen etwas bemerkt hatten. “Welche Maus ist euch denn über die Leber gelaufen?” wollte Andrasch wissen.

Eine Korrektur seitens Martellus blieb aus, stattdessen antwortete Hinnerk: “Etwas kommt und ich hoffe es ist nur ein unterirdischer Strudel
Es war kein unterirdischer Strudel. Nachdem Hinnerk die erste Fuhre abgesetzt hatte schaute er prüfend aufs Wasser. Vom Ufer aus war kaum ein Unterschied zu erkennen, doch für Hinnerk reichte es aus: Der un-rhythmische Wellenschlag störte ihn. Etwas war ganz und gar nicht wie es sein sollte. Übel-ahnend richtete er seinen Blick auf die Mitte des Sees, wo sich, wie sie wussten, drei Inseln mit riesigen Glocken befanden. Es half nichts. Er sprang erneut in die Nussschale, die ihm als Boot diente, und machte sich auf den Weg zurück zur anderen Seite.

Torkins Nackenhaare hatte sich aufgestellt. Er konnte es wittern, wenn Gefahr drohte. Der See führte Totenwasser, er hat es am Anfang nicht bemerkt, doch nun schien der salzige Geschmack nicht mehr von seiner Zunge zu weichen. Ihm wurde Übel bei der Vorstellung über seine Ahnen hinweg zu schiffen, doch was sollte er tun? Schließlich war er auch über das Wasser hier hin gekommen. Der Ort war ihm von Anfang an nicht geheuer gewesen, doch jetzt konnte er die Gefahr förmlich spüren. Doch er sagte nichts, denn er konnte sehen wie Athovar unwohl dabei war, seinen Freund auch nur für kurze Zeit alleine zu lassen, und er wollte ihm nicht noch mehr Grund zur Sorge geben.
Schließlich tauchte Hinnerks Sturmlaterne wieder aus dem dunkel auf und das Boot nährte sich erneut den Wartenden.
Beeilt euch” bellte Hinnerk, “Los doch, schnell kommt ins Boot!
Torkin überwand sich schnell, und bestieg das Gefährt. Irion ging als nächster. Athovar guckte zu Vivi rüber. Keiner wollte den anderen alleine zurück lassen und mehr als vier Leute passten nicht in das Boot, also musste Hinnerk noch mal fahren.
Plötzlich erfüllte ein Beben die Höhle. pochend, wie ein Herzschlag, der tief, tief aus der Erde zu kommen schien. Hinnerk stieß sich erneut ab, mit zwei schnellen Ruderschlägen nahm er an Fahrt auf.

Irion war in Gedanken wo anders. Ein Geist der an eine Rüstung gebunden war, war das zu glauben? Und er hatte all die Zeit in dieser Höhle überdauert. Welch unschätzbares WIssen der Vorzeit er wieder zu geben vermochte! ?

// Kommentar des Chronisten – an dieser Stelle “Leviathan” aus dem Album Into the Blue von Erdenstern anmachen für maximale Epicness!!

Das Boot schaukelte und Irion musste sich festhalten. Grade wollte er Hinnerk fragen, ob alles in Ordnung sei, da ging ein Ruck durch das Boot. Irion wurde zurückgeschleudert, direkt in Torkins Arme. Er rappelte sich auf, doch das Gesicht seines Freundes war zu einer ungläubigen Grimasse verzerrt . “Marthyr. Mochul.”, flüsterte er. “Es kommt”.

WAS IST DA LOS BEI EUCH?”, schrie Vivi. Doch keiner der drei Boots-Insassen konnte es recht beantworten. Torkin war Kreidebleich, Irion wusste nicht was geschah, Hinnerk ruderte und ruderte. Doch so viel Kraft und Technik er auch in die Schläge steckte, ein Sog zog das Boot unaufhaltsam weg vom Ufer.

Dann bewegte sich das Wasser. Wellen schwappten erst gegen das Boot, und dann über es hinweg. “HALTET EUCH FEST!” schrie Hinnerk. Er versuchte das Boot zum Wenden zu bringen, weg vom Sog – hoffnungslos. Hilflos huschte Irions Blick auf der Wasseroberfläche hin und her, in der Hoffnung seiner Panik ein Gesicht zu verleihen.

Dann barst das Boot.

Innerhalb eines Wimpernschlages wurde Irion durch den Sog unter Wasser gezogen, schnappte nach Luft, schluckte Wasser. Er versuchte an die Oberfläche zu kommen. Etwas war im Wasser, und es war groß. Er konnte nichts sehen. Die Sturmlaterne war erloschen. Er versuchte zu schwimmen. Ein Schwimmzug. Noch einer. Endlich tauchte er auf und schaute sich um. Versuchte die anderen aus zu machen. “IRION! DAS SEIL, GREIF DAS SEIL!” Etwas Gewaltiges schlug neben ihm ins Wasser ein und verfehlte ihn um Haaresbreite. Doch die sich ausbreitende Welle erfasste ihn und schlug ihn gegen einen Fels. Etwas in seinem Rücken zersplitterte. Irion versuchte zu schreien, doch das Wasser füllte seine Lungen, bevor der Schrei sie verlassen konnte. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen, dann hob ihn etwas in die Luft und er wurde ins Bewusstsein zurück gezwungen. Blind und im wilden Überlebenskampf stach er mit seinem linken Arm, der irgendwie an seinen Dolch gekommen war,auf die fleischige Masse ein, die ihm hoch über der Wasseroberfläche die Luft abdrückte. Sein rechter Arm steckte fest. Ein Wulst von der Dicke eines Mammutbaums hatte sich um ihn gelegt, seine armseligen Versuche sich zu befreien blieben ohne Erfolg. Er sah Torkin, der vergeblich versuchte einen anderen Fangarm von Athovar und Vivi fern zu halten. Und er sah Hinnerk. Todesmutig hatte er sich ein Seilende um den Bauch gelegt, das andere am Ufer festgezurrt.
IRION, HINTER DIR!”.
Es war Amariels Stimme. Irion versuchte sich umzusehen. Hinter ihm war es hell. Worein er blickte vermochte er nicht zu sagen. Gelb und schwarz. fast hypnotisierend. Irion spürte keine Schmerzen mehr. Er erwartete jeden Augenblick erneut das Bewusstsein zu verlieren. Fast war es verlockend die Augen zu schließen und sich ewige Ruhe zu gönnen, doch noch war sein Wille nicht gebrochen. Er versuchte sich auf einen Zauber zu konzentrieren. Irgendetwas. EIn FULMINICTUS vielleicht. Dann brach sein rechter Arm in der Umarmung des Kraken.
AMARIEL DIE GLOCKEN! SCHIEß AUF DIE GLOCKEN!” – es war Vivis Stimme. “Ich weiß!” Amariell hatte längst aufgegeben auf das Monstrum zu zielen, die Pfeile blieben wirkungslos in den Armen stecken. Sie fixierte eine der drei Inseln in der Mitte des Sees doch konnte die Glocken trotz ihrer guten Augen kaum ausmachen. Hinzu kam das immer wieder unter den Peitschenhieben der Fangarme aufgewühlte Wasser, dass den Pfeil Wirkungslos machen würde. Eine Lücke. Sie schoss.

//Musik Stopp!

Irion hörte ein Surren, und dann einen Ton. Hoch. Erhaben. Er erfüllte die ganze Grotte. Der Griff des Dämons lockerte sich. Irion rutschte herab und fiel ins Wasser. Das letzte was er noch mitbekam war ein kräftiger Menschenarm, der ihn auf eine Schulter hiefte und begann zu schwimmen. Dann verlor er das Bewusstsein.

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Nebel
6. Tag im Faramond (Ingerimm)

Der Nebel schien in breiten Schwaden über den Boden zu gleiten und sogar durch ihre Kleidung zu dringen. Die Thorwalerin fröstelte. Der Schein ihrer Laterne erhellte nur einen begrenzten Teil des unebenen Trampelpfades vor ihr. Kurz warf sie einen Blick gen Himmel, um ihre Laufrichtung zu überprüfen, doch kein Stern war auszumachen. Lediglich schwaches Mondlicht erhellte eine dunstige Fläche dort oben, hin und wieder von schwarzen, krallenartigen Ästen von einigen noch laublosen Bäume umrahmt. Sie hatte gedacht, dass es bald wärmer werden würde, immerhin war der Faramond schon angebrochen.
Plötzlich strauchelte sie. Ein zischender Fluch entwich ihr, der irgendetwas im Gebüsch neben ihr aufschrecken ließ. Verärgert musterte sie den Boden. Der Nebel musste eine Wurzel verdeckt haben. Sofort stieg ihr Zorneshitze wieder zu Kopf. Die Götter mussten sich über sie lustig machen. Wie hatte sie nur so dumm sein können! Wie! Schon blieb ihre Stiefelspitze erneut hängen, um ein Haar hätte sie die Laterne fallen lassen. Mit einem im Hals steckengebliebenem Brüllen trat sie auf die Stelle ein, wohl wissend, dass es ihr nicht im geringsten helfen würde.
Ihr Atem bildete kleine Wölkchen. Die Lichter des Hofes hinter ihr waren entweder nicht mehr zu erkennen oder gelöscht worden. Eine Weile suchte sie die Dunkelheit danach ab, wandte sich dann aber wieder Richtung Helmark. Grimmig zog sie ihren Schal zurecht und den oberen Teil bis über den Mund. Auch ihren Umhang zog sie fester zusammen und berührte dabei die verschiedenen Ketten darunter. Beide hatten hölzerne Anhänger und hingen ihr etwa bis zur Brust. Sie hielt inne. Schließlich befestigte sie die Laterne mit dem metallenen Ring an ihrem Gürtel und nahm in jede Hand einen der Anhänger.
Der eine zeigte das Profil eines Wals, dessen Rücken so gekrümmt war, dass er sich beinahe komplett um seine eigene Fluke wand. Er war grob geschnitzt und bis auf einen dunklen, eingebrannten Punkt, der das Auge erahnen ließ, war keinerlei Filigrantität auszumachen. Er gefiel Viriea sehr gut. Sie hatte sich gefreut, in Grautann, fernab der Küste, eine Figur des Gottwals gefunden zu haben. Zumindest redete sie sich das ein. Egal, wie lange sie schon von ihrer Heimat getrennt war und durch die Ländereien irrte, nie würde sie die Geschichten um Swafnir vergessen. Sie ermahnten sie immer wieder, zu kämpfen. Der große, weise Weiße würde es schon sehen! Vermutlich waren diese Geschichten ohnehin das einzige, was von ihrer Heimat übriggeblieben war. Viriea seufzte in die Stille der Nacht. Sie ließ den Anhänger wieder sinken, sodass er zurück an seinem Platz an ihrer Brust hing.
Mit der freien Hand umfasste sie nun zusätzlich den anderen hölzernen Anhänger an der zweiten Kette. Im Gegensatz zum Wal war dieser eher flach. Ein Pfotenabdruck war ins Holz gebrannt worden, von vielen weiteren Linien ausgefüllt und umgeben, die in dem Dämmerlicht ihrer Laterne kaum zu erkennen waren. Doch Viriea hatte sie sich oft genug angeschaut. Auch wenn sie genau wusste, wo sich welche Linie befand, selbst bei Tageslicht konnte sie nicht erkennen, was sie darstellen mochten. Ob in ihnen noch mehr als das bloße Symbol der Pfote zu erkennen war oder nicht. Sie fuhr mit den Fingern, die schnell ausgekühlt waren, vorsichtig das Relief nach. Eine Fuchspfote, hatte Amariel ihr bestätigt. Die Fuchspfote, wie Juna ihr gesagt hatte. Dem Namen nach hatte sie sicher irgendetwas mit dem Gott Phex zu tun. Ein Schatz, der irgendeinem Verwandten des Wirts der Grube gehört haben soll. Aus dem Hort eines Drachen, wenn sie sich recht erinnerte. Die Thorwalerin konnte ein bitteres Lachen nicht zurückhalten. Vor sich sah sie lediglich ein Stück Holz.
Der mit den vielen Namen hatte sie vor allem begeistert, als sie Fastalophs meisterliches Gemälde vor sich gesehen hatte. Verschiedene Symbole seien ihm zugeschrieben, viele in diesem einen Bild zu finden. Das große, bleiche Rund des Mondes, eine Goldmünze, Schatten, ein Mantel, um sich zu verhüllen, ein Fuchs. Eben jenes Bild wurde sogar gestohlen, von den Fuchskinder. Natürlich. Amariel und sie hatten es ausfindig gemacht und viele weitere rätselhafte und vor allem geheimnisvolle Dinge sehen und erfahren dürfen. Alles heimlich, alles unter Schweigepflicht. Immer spielten Schätze eine Rolle. Wert, den Gold nicht aufwiegen konnte. Immer das, was zwischen den Worten schwang, die gesagt, aber nicht gemeint wurden.
Viriea hatte begonnen, sich in den Schatten nicht nur zurechtzufinden, sondern tatsächlich auch auf gewisse Weise wohl zu fühlen. Sie war nicht stolz auf die Talente, die sie besaß, die sie aber zwangsläufig erlernt hatte. Dort hatten sie ihren Platz. Dieses mal war sie vor die Wahl gestellt worden. Und sie hatte sich bewusst für den Pfad im Verborgenen entschieden. Der blaugefiederte Pfeil hatte sie auserwählt und sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie vorher das letzte mal so etwas wie Stolz empfunden hatte. Dort hatte sie ihren Platz. Sie zog ihre Kapuze weiter ins Gesicht.
Langsam setzte die Thorwalerin sich wieder in Bewegung, die Laterne nun wieder in der rechten Hand, die Fuchspfote noch immer mit der linken vor ihrem Brustkorb umschlossen.
Sie sollte Irion bei Gelegenheit fragen, ob er sich die Kette ein mal anschauen könnte. Vielleicht war er in der Lage, mehr in ihr zu sehen, als sie es konnte. Ein Stich durchfuhr Viriea. Ihr Blick sank zu ihren Füßen, die abwechselnd den knöchelhohen Nebel leicht aufwirbelten. Der Magier lag, immer noch stark geschwächt, im Gasthof zum Kupferschlüssel. Seit Torkin die Kontrolle über sein Swafskari verloren und ihn schwer verletzt hatte, ist er trotz Amariels Heilzauber mit jedem Tag schwächer geworden. Zum Glück hatte Salia ihm helfen können. Sie selbst hatte versucht, ihn so gut es ging mit Wasser, Tee und ein wenig zu Essen zu versorgen. In seinem Zustand hatte er vermutlich nicht ein mal mitbekommen, was geschah. Ob er ihre Hilfe sonst abgelehnt hätte?
Eine ihrer weißen Strähnen wurde vom leichten, aber beißenden Wind in ihre Augen getrieben, sodass sie die Fuchspfote losließ und sie zurück unter ihre Kapuze strich. Irion hatte aus seiner Verachtung vor ihren heimlichen Erkundungsgängen und Aufträgen keinen Hehl gemacht. Kein Wunder, nach allem was geschehen war. Er sollte Recht behalten mit seiner Skepsis, waren Wachen, die sie bei ihrem Einbruch in die Villa entdeckt haben könnten doch ihr kleinstes Problem gewesen. Sie hatte doch auch nicht ahnen können, was für Gefahren dort lauerten.. Alle Informationen sollten offen liegen, hatte er gefordert. Keine ominösen Aufträge von Fremden. Aber sie war überzeugt gewesen, dass sie das richtige tat. Erst hatte sie eine versteckte Kiste unter den Dielen des Basiliskenschädels aufspüren und das Rätsel des Orkbuches ergründen müssen, um eine geheime Losung herauszufinden, die sie in die Grube führte, nur um weitere Informationen von Juna zu erhalten, die sich mit einer ganzen Bande außerhalb der Stadtmauern organisiert hatte. Sie hatte direkten Kontakt zum Mantler und sie, Viriea, sollte sich nun beweisen und die wertvolle Fuchspfote, die von der Baronin gestohlen worden war, aus der Villa herausholen. Völlig einleuchtend, wie ihr schien. ‘Die Fuchspfote verkehrt neuerdings wieder zu Hofe’, ein Schatz aus einem Drachenhort, von seinem eigentlichen, rechtmäßigen Besitzer entwendet. Von der Baronin, die laut des Blinden den Bettlern sogar die Schalen nehmen würde. Ein Unrecht, das aus der Welt geschafft werden musste.
Die Schritte der Thorwalerin wurden langsamer bis sie schließlich stand.
Dämonen und Untote hatte niemand erwähnt. Zaubergeschützte, fallengespickte Kammern ebensowenig. Gedankenverloren tastete sie nach dem Metall ihres Dolches am Gürtel, eine alte Gewohnheit, um Unheil abzuwenden. Nur mit Hilfe von Hinnerk und Andrasch, die sie bereitwillig begleitet hatten, und Torkin, Amariel und Irion, die sie nur in der Villa aufgesucht hatten, um sie dort wieder herauszuholen, war es ihr gelungen, die Fuchspfote zu finden. Sie hätte ebenso gut sterben können. Und alle anderen auch.
Aber wofür?
Der Mantler, der aus Grautann fliehen musste und dessen verworrene Botschaften ausschließlich über Dritte und Verschlüsselungen weitergetragen wurden, hüllte sich mehr und mehr in Mysterien. Er hatte den Auftrag erteilt. Sie hatte ihn unter allen Umständen ausführen wollen. Sie blickte erneut in die Richtung, aus der sie gekommen war. Dort hinten, in einem Zimmer eines Hofes von Bauern, war er. Das geheimnisvolle Oberhaupt der dritten der sogenannten Diebesgilden in Grautann. Kein mit Gänsefedern symbolisiertes, stummes Einverständnis über ein nächtliches Treffen auf dem Dach eines Heiligtums. Kein Mantel mehr, der ihn in den Schatten beinahe verschwinden ließ. In dem wohnlichen, mit Kerzen ausgeleuchteten Zimmer hatte lediglich ein junger Mann mit Maske gestanden, nicht viel älter als sie selbst, der Berichte von außerhalb empfangen hatte. Endlich hatten sie sein Versteck ausfindig gemacht, hatte sie sich gedacht. Endlich würden sie erfahren, worum es eigentlich geht! Der Mantler wusste sicher, was zu tun war. Langsam schüttelte Viriea den Kopf.
Wie hatte sie so dumm sein können. Nach Flunker hatte sie Fragen sollen. Sie hätte es wissen müssen. Niemand hatte sich so tief in die Abgründe der Stadt gewagt wie sie und alle anderen, die sie mit sich gezogen hatte. Niemand, offenbar nicht ein mal der Mantler selbst. Aber beachtlich, dass die Fuchspfote in ihrem Besitz war. Ein Krieg stünde an. Ob sie ihren Weggefährten vertrauen würde, wollte er wissen. Sie hätte ihm am liebsten vor die Stiefel gespuckt …
Enttäuschung, so groß, dass sie nicht einmal in Zorn Ausdruck finden konnte, hatte sie überwältigt und sprachlos gemacht. Aber was hatte sie erwartet? Von „Flunker“?
Mit festeren Schritten führte sie ihren Weg nach Helmark fort, in der linken Hand wieder die Fuchspfote gepackt. Sie zitterte. Mit Mühe ermahnte sie sich, das Stück Holz nicht einfach von ihrem Hals zu reißen und fortzuwerfen. Der Mantler wusste nicht annähernd so viel, wie er ihr hatte weismachen wollen. Nein. Wie sie sich eingeredet hatte. Sie war selbst Schuld. Wie konnte sie sich nur so auf jemanden verlassen wollen. Jemand der stets in den Schatten wanderte und sich auch vor ihr versteckt hielt. Und was wusste er schon über sie und ihre Gefährten! Ein Krieg zieht herauf? Sie waren dem letzten erst vor einiger Zeit entkommen. Nein, nicht entkommen. Sie hatten gekämpft und nicht nur das, sie hatten gesiegt!
Hinnerk war beinahe den Orks zum Opfer gefallen, aber er hatte zur Gruppe zurückgefunden und sich entschlossen, auch weiterhin die Reise nach Westen aufzuschieben. Was er wohl suchte? Einen sicheren Hafen offenbar nicht. Er sollte mittlerweile wissen, dass ihr Weg bisher nur in Schwierigkeiten geendet hatte. Amariel sang von Harmonie, die der Thorwalerin völlig fremd war. Die Elfe hätte schon lange zu ihrer Sippe zurückkehren, sich von aller Falschheit der Menschen zurückziehen können, doch das hatte sie nicht getan. Wieder und wieder nutzte sie sogar ihre magische Kraft, um Menschen zu heilen. Um sie, Viriea, zu heilen. So auch Irion, der sich zwar zu seiner Akademie und ihren sicheren Mauern zurücksehnte, zumindest sprach er oft davon, wieder dorthin zu reisen, doch auch er hatte sich bislang nicht verabschiedet. Seine Zauber waren zwar machtvoll, aber seinem Körper fehlte es an Zähigkeit. Dafür war sein Wirken unverzichtbar, wenn die Kämpfenden erschöpft waren. Die Welt, die ihm und Amariel offenbar beiden recht fremd zu sein schien, war finsterer, als sie es geahnt hatten. Und doch setzen sie ihren Weg fort. Torkin, der seiner ganz eigenen Finsternis entkommen war, bemüht sich sichtlich, alle zusammenzuhalten. Es ist merkwürdig, da gerade er und sein innerer Bruder, Brenn, in sich hin und wieder zerrissen schienen. Allein die Reise nach Helmark. Er wird sich nie verzeihen, dass er Irion eigenhändig verletzt hatte. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wäre der Magier an seinen Verletzung zu Grunde gegangen. Sie hatte es sicher nicht böse gemeint, ihm zu raten, bei Gelegenheit einen Swafnirgeweihten aufzusuchen. Er würde ihm helfen, mit seiner Walwut umgehen zu lernen, da war sie sich sicher. Schnell schweiften ihre Gedanken bei jedem ihrer Gefährten in gefährliche Richtungen. Ängste, Zweifel. Sie zwang sie sich, den Fokus auf das zu lenken, was sie verband. Sie war nicht sonderlich geübt darin, hatte sie sonst nur auf schnellstem Wege erkannt, was sie von allen anderen unterschied.
Sie selbst hatte sich der Gruppe angeschlossen, nachdem Irion ihr Leben gerettet hatte. In der Schenke zum Singenden Schwert. Der Ghul hatte sie direkt attackiert. Und schon war ein gemeinsamer Feind ausreichend, um völlig Fremde ein Band flechten zu lassen, dass sie gemeinsam gegen finstere Mächte hatte antreten lassen. Wie eines ihrer Hautbilder schlungen sich Knoten umeinander, immer weiter, nur um letztendlich unmerklich dort anzuschließen, wo sie begonnen hatten. Wie oft wäre es schon um sie geschehen gewesen. Was wäre aus Martellus geworden, wenn er und Atovar allein zum Schlangenberg gereist wären? Was wäre aus Andrasch geworden? Was aus dem Kloster? Alles hing irgendwie zusammen. Wo ein Pfad Endete, begannen zwei neue. Sie erinnerte sich an die Schwüre, die sie vor dem Drachenführer hatte ablegen müssen, um sich einer Ottajasko anzuschließen. Auf einem Schiff musste man zusammenhalten oder alle waren verloren, wenn es darauf ankam. Und das Meer war fordernd.
Allmählich wurden zwei Lichtflecken durch den Nebel erkennbar. Die Fackeln des Tores von Helmark. Die Feuchtigkeit und mit ihr die Kälte hatten ihre Kleider und Glieder nahezu durchdrungen. Sie würde sich gleich an einer Suppe im Kupferschlüssel wärmen und ihrem Frust in guter Thorwalermanier entgegenwirken. Aber vorher sollte sie noch einmal nach Irion schauen.
Keiner von ihnen hatte einen Schwur geleistet. Und dennoch …
Sie traute ihren Gefährten. Mittlerweile. Mehr als sie dem Mantler vertraute. Mehr, als sie auf ihn vertraute. Sie mussten Martellus warnen. Ihm irgendwie beistehen.
Die Wachen musterten sie aufmerksam, fragten aber nicht weiter, da sie sie vor einiger Zeit durch dieses Tor hatten gehen sehen, durch das sie nun wieder das Dorf betrat. Viriea löschte ihre Laterne. Auf den kaum beleuchtetenWegen vor den Häusern war niemand zu sehen. Es war spät. Frierend betrat sie den Kupferschlüssel, wo ihr der Geruch von Holz, verbrauchter Luft und ein Gemisch aus Braten und schalem Bier entgegenwehte. Als die Wärme des Kaminfeuers auf ihr Gesicht traf, entspannten sich ihre steifen Muskeln sofort. Sie zog die Kapuze vom Kopf und setzte sich an den Tresen. Die Wirtin kam heran und sie fragte nach zwei Portionen Suppe und einem Bier und kramte ihren Geldbeutel hervor. Dabei sah sie, tief versteckt auf der Innenseite ihres Mantels, die beiden metallenen Broschen, Sonne und Mond, aufblitzen. Bevor sich ein Schwall aus Gedanken auch über dieses ungleiche Paar in ihrem Kopf ausbreiten konnte, stürzte sie einen großen Schluck des Bieres sofort hinunter, das die Wirtin gerade erst auf den Tresen gestellt hatte. Die kräftige Frau hob lediglich eine Braue, kommentierte das ganze jedoch nicht weiter. Die Heller verschwanden in ihrer Schürze und sie machte sich auf in die Küche.
Auf der Suche nach ablenkenden Bildern in ihrem Gedächtnis tauchte der Saal in Grautann vor ihrem inneren Auge auf. Das Fest zu Ehren derjenigen, die am Kloster von Logar gekämpft hatten. Der Baron hatte noch gelebt. Man hatte seinen Sohn erwähnt. Er war noch nicht zurückgekehrt. Wäre er wieder in Grautann, so würde ihm die Nachfolge zustehen … Dieser Rat. Die Baronin. Der Vogt, den sie selbst nach Grautann begleitet hatten. Nackt und wirr. Er wollte alles über das Kloster Wissen, über die Schlacht. Oder war es über das Verschwinden der Praiotin und der verurteilten Frau? Viriea rieb sich die Schläfe, in der anderen Hand hatte sie den Bierkrug fest umklammert. Sie erinnerte sich nicht mehr genau. Plötzlich war ihr sehr unwohl dabei, dass ihrer aller Namen festgehalten worden waren. Dass sie selbst bei den hohen Leuten in Grautann vorstellig geworden waren. Sogar die Elfen tief im Herzwald waren jetzt von allem betroffen. Mit wenigen weiteren Zügen war ihr Krug geleert.
Als Viriea sich gerade die Haare raufte, stieß jemand mit einem weiteren Krug gegen ihren. Sie sah in das Gesicht Hinnerks. Der blonde Seemann lächelte schief als er ihr zuprostete. Sie hatte ihn wohl übersehen, als sie die Schenke betreten hatte. So weit ging das schon mit der Grübelei! Das sollte sie dem Magier überlassen. Sie durfte ihr Umfeld deswegen nicht aus den Augen verlieren. Sie bemühte sich um ein nicht allzu grimmiges Nicken in seine Richtung. Kurz darauf wurden zwei dampfende Schüsseln vor ihr abgestellt. Sie bat Hinnerk, sie mit nach oben zu begleiten, wo Torkin vor Irions Bett kauerte. Er streckte sein breites, vernarbtes Kreuz, als er aufsah und die beiden leise grüßte. Sein Fellmantel lag über Irions Decke und war auch beinahe ebenso groß. Das Bett stand an der Wand, ein einzelnes Fenster zeigte den sternlosen, dunklen Himmel. Der Magier war noch immer bleich, seine braunen Augen dunkel unterlaufen. Seine Arme lagen kraftlos auf der Decke, neben ihm ein leerer Becher Tee und ein Kerzenleuchter, der den kleinen Raum in schwaches, aber warmes Licht tauchte. Viriea wartete an der Tür, bis er leicht nickte und sie so hereinbat. Als Hinnerk gerade herauszufinden versuchte, wie es um Irion stand – immerhin redete er schon wieder, auch sein Fieber schien abgeklungen zu sein – betrat auch Amariel das Zimmer. Man bedeutete ihr, die Tür zu schließen. Ihr schwarzes Haar schwang in der Drehung zur Tür elegant um sie herum. Selbst eine solche einfache Tätigkeit verlieh ihr Anmut. Viriea würde sich wohl nie an ihren Anblick gewöhnen. Dann blickte die Elfe mit ihren strahlend blauen Augen erwartungsvoll in die Runde. Alle setzten sich, nur Hinnerk blieb an der Wand angelehnt stehen. Eine Laterne wurde noch zusätzlich angezündet. Dicht an dicht, damit niemand ihr Gespräch belauschen konnte, aber auch der Enge des Raumes geschuldet, warteten alle auf hilfreiche Neuigkeiten.
Viriea berichtete von ihrem Treffen mit dem Mantler, allen Informationen, die er an sie weitergegeben hatte und allen Informationen, die sie ihm mitgeteilt hatte. Nun lag es an ihnen zu besprechen, wie es weitergehen sollte. Ein Krieg stand bevor. Sie wussten nicht, warum oder wer überhaupt gegen wen kämpfen wollte, aber niemand machte auch nur Andeutungen, sich aus allem heraushalten zu wollen. Sie überlegten, wie sie Martellus benachrichtigen oder wie sie möglicherweise von der Akademie in Donnerbach Hilfe anfordern konnten. Eine weitere Reise in den Herzwald wurde diskutiert, auch wenn der raue Seemann an der Wand gar nicht glücklich dabei aussah. Amariel erklärte, was Karbon ihnen noch hatte mitteilen wollen und es wurde gemeinschaftlich durchdacht, wie alles zusammenpasste. Abwesend umfasste Viriea ihre Walhaskette, als die anderen lebhaft begannen, Gedanken zu formen und wieder zu verwerfen, diskutierten und sich einigten. Sie hatte in Grautann selbst daran gezweifelt, ob sie noch viel länger mit diesen Leuten reisen würde.
Flackernder Kerzen- und Laternenschein malte Muster auf die Dielen. Er umfasste jeden von ihnen. Der Nebel war in der Dunkelheit kaum noch zu erkennen. Innerhalb der Palisaden des Dorfes schien er sich ohnehin verflüchtigt zu haben. Für den Abend hatte Viriea ihn vollkommen vergessen.

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Was ist ein Seemann

Es ist eine Nacht wie jede andere Nacht in Grautann auch. In den Tavernen wird gezecht und gezockt, in den Freudenhäusern wird sich ausgelassen vergnügt und in schattigen Ecken werden Unvorsichtige um ihr Hab und Gut erleichtert. Im Garten des örtlichen Hesindetempels ist es hingegen vergleichsweise still und dunkel, doch ganz verlassen ist auch dieser Ort nicht. Eine einsame Gestalt sitzt auf einer Schaukel, die vom größten Baum des Tempelgartens baumelt. Obwohl die Schaukel offensichtlich für Kinder gedacht ist, scheint die Gestalt keine Sorge zu haben dass sie zusammenbrechen könnte. Schließlich hat sie sie selbst konzipiert. Die Gestalt wippt ein wenig vor und zurück, folgt mit ihrem Blick dem Lauf des Mondrads über den Sternenhimmel. Selbst einem geübten Auge könnte es schwerfallen zu erkennen, dass eigentlich bereits der Helm statt des Rades am Himmel steht. Doch der Gestalt ist es ohne weiteres bewusst. Das Rad dieses Monats war ein wichtiger Tag für sie. Für sie alle. Allerdings gibt es etwas was der Gestalt in dieser Nacht noch wichtiger ist, eine Frage eines Freundes, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt.
„Was hast du jetzt vor, Hinnerk?“
Überraschend war nicht die Frage, überraschend war das Fehlen einer Antwort. Die Antwort war der Gestalt so offensichtlich erschienen. Es war eine Antwort so einfach, dass man keinen zweiten Gedanken an sie verschwenden musste. Und doch hatte eben diese Antwort heute Abend gefehlt. Stattdessen war die Gestalt der Frage ausgewichen, etwas was ihr absolut nicht lag. Glücklicherweise war das bei der Menge an Alkohol scheinbar niemandem aufgefallen. Doch der Schatten auf der Schaukel kann der Frage nicht ausweichen. Nicht mehr.
Die Gestalt erinnert sich:

„He Wirt, noch eine Runde!“
In der Taverne hätte es lebhafter nicht sein können. Das Bier floß in Strömen und Gespräche waren generell nur schreiend möglich. Hinnerk saß mit einigen seiner Kumpel von den Hafenhunden an einem der Tische. Heute Nacht wollten sie dreizehn gerade sein lassen und mit alten Freunden und einer guten Menge Alkohol die Sorgen auf Morgen verschieben. Ohne sich von dem Lärm irgendwie stören zu lassen betrieben sie ihren Lieblingssport: Sich gegenseitig mit ihren absolut wahren Erlebnissen von ihren Seereisen zu übertrumpfen.
„… und dann grinste dieser Typ auch noch selbstsicher. Hatte gedacht seine kleine Finte würde mich aus dem Gleichgewicht bringen und über den Rand ins Eiswasser trudeln lassen, wo ich ja schon von dem Kampf gegen die beiden andern Muskelprotze so geschwächt sein sollte. Na, was soll ich sagen, der miese kleine Trickser hatte sich selbst ausgetrickst. Statt mich gegen seine Beinfalle zu wehren und so rücklings hintenüber zu kippen, bin ich mit seiner Bewegung mitgegangen, hab den Sack an den Schultern gepackt und über mich rüber ins Wasser geworfen!“
Gerade hatte Yost mit seiner üblichen breiten Stimme eine Geschichte darüber zum besten gegeben, wie er es beim jährlichen thorwaler Eisschollenringen mit drei Thorwalern gleichzeitig aufgenommen und sie alle besiegt hatte. Der Schrank von einem Mann begleitete seine Geschichte mit aushohlenden Gesten, die nicht nur überhaupt nicht dabei halfen die Geschehnisse darzustellen, sondern auch dem Mann neben ihm den Inhalt seines Bierkrug ins Gesicht fegten. Prustende Geräusche waren zu hören
„Pfff, puhaaa. Was in Praios Namen sollte das denn Yost?!“
„Aaaach stell dich nich so an Ardis. So n bisschen Bier hat noch keinem geschadet.“
„Bwahaha, Recht hat er, haha.“
Einer der anderen Männer hob dazu seinen Humpen, fing an sich beim Trinken hintenüberzulehnen und kippte schließlich mitsamt seinem Stuhl um. Er stand nicht wieder auf. Der Mann namens Ardis machte ein deutlich angewidertes Gesicht.
„So geht das also immer zu bei dir und deinen … „Kumpeln“, Yost?“
„Jetzt ziiiier dich nich so Ardis. Du wolltest doch unbedingt mal meine Jungs treffen, oder nich?“
„Das hatte meine Wenigkeit gesagt, aber…“
„Ach halt die Klappe. Ich will jetzt was von Hinnerk hören.“
„Ha, da lass ich mich nicht zweimal bitten. Aber ich kenne doch diesen Tonfall. Du willst was bestimmtes Hören, hab ich Recht? Vielleicht wie ich den Riesenkraken vor Grangor in die Flucht geschlagen habe? Oder wie ich mit einem von Rondrikans Donnerstürmen um die Wette getrommelt habe und zwar so gut, dass Rondrikan den Rückzug antreten und unser Schiff in Frieden lassen musste? Oder…“
„Lass stecken, die hast du ja schon mindestens tausendmal erzählt. Und dabei ändert sich immer was du als Schlagzeug benutzt. Nee, erzähl doch mal warum du Seemann geworden bist.“
Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte sich auf Hinnerks Gesicht Verblüffung. Bevor er in Gelächter ausbrach.
„Hahahaha, was für ne sentimentale Frage is dat denn? Bist du heut zuviel mit Hai-Kai rumgehangen oder was? Hahaha.“
„Das würde mich aber auch durchaus interessieren.“
Ungefragt schaltete sich Ardis wieder ins Gespräch ein.
„Ich frage mich ja schon die ganze Zeit was Euereins eigentlich auf den Wassern zu suchen hat…“
„Jetzt stink hier nicht so rum Ardis, das ist doch klar. Weil wir Geld brauchen und sonst nichts können. Versuch mal als Matrose ne andere Anstellung zu finden, harhar. Aber solange ich mein Geld krieg isses mir eigentlich egal was ich mache. Aber dem da,“
An dieser Stelle schob sich Yosts wuchtiger Arm vor und zeigte auf Hinnerk, wodurch dieser samt seinem Stuhl leicht vom Tisch weggeschoben wurde.
„Der da, der wollt unbedingt Seefahrer werden, von Anfang an schon. Der einzige von uns Hunden der nicht von seinen Eltern ausgesetzt wurde oder sonstwie plötzlich ohne Mittel auf der Straße stand. Hat sich extra auf ner Karracke eingeschlichen um hier Seemann zu werden, behauptet er zumindest. Später hat er sogar seine Stelle in der Seilerei an den Nagel gehängt, nur um wieder raus aufs Meer zu kommen. Und ich findeee, es ist Zeiiiit, dass er endlich mal damit rausrückt wieso er son Verrückter ist. Obwohl Verrückte sind wir Hafenhunde eigentlich alle, harhar. Aber der da ganz besonders… Was ist, hast du nen Aal verschluckt Hinnerk?“
Hinnerk hatte nicht sofort geantwortet. Wer ihn besser kannte wäre sofort stutzig geworden, denn er ließ selten die Gelegenheit verstreichen eine gute Geschichte zu erzählen, vor allem wenn er darin vorkam. Jetzt schob er seinen Stuhl zurück an den Tisch und fing langsam wieder an zu sprechen.
„Ach, da gibt’s eigentlich garkeine große Geschichte. Ich wollt nur was jeder andere Junge in meinem Alter auch will wenn er in so nem Kaff aufwächst wie ich: Weg da und was erleben. Großpapa und Großmama haben eben die tollsten Geschichten erzählt, über Phileasson und Beorn, Ruban und Siberius und die ganze Mannschaft. Und da wollte ich eben auch solche Abenteuer bestehen. Wenn ich dann schließlich einmal um Aventurien gereist wär, dann wär ich zurückgekommen und hätte den beiden was zu erzählen gehabt. Tja, hat wohl nicht sollen sein. Aber Yost, willst du mir wirklich weißmachen du würdest genauso gern Kisten in Lagerhäuser schleppen wie auf einer Kogge in der Takelage hängen und dein Gesicht in den Wind halten? Das glaubt dir doch kein Dummbarsch!“
„Bwaharhar, zur Abwechslung mal nicht nur durch ein paar dünne Bretter vom sicheren Tod getrennt zu sein hat auch seine Vorzüge Hinnerk. Du bist und bleibst eben ein Verrückter, harar“
„Also falls es jemanden interessiert, ICH bin ja Matrose geworden weil dass ein Beruf ist den die Frauen besonders schätzen und…“
„Und lässt trotzdem dein ganzes Geld im Puff Ardis. Scheint so als hätte es sich von uns dreien für dich am wenigsten gelohnt Seemann zu werden.“
„Ich verbitte mir…“
Ardis empörte Erwiederung ging im Gelächter der anderen unter und das Gespräch wandte sich anderen Themen zu. Doch Hinnerk war nicht mehr richtig bei der Sache.

„Na du alter Haudegen?“
„Huaah, Sonya! Bei allen Höllenhunden, was machst du denn hier?“
Auf einem Dach eines alten Lagerhauses an einer verlassenen Stelle des Kais wäre Hinnerk fast vom Dach gekippt. Er hatte an der Dachkante des für Lagerhäuser typischen Flachdachs gesessen und die Spiegelung des Mondes im Wasser betrachtet, als Sonya ihn mit einem Knuff in den Arm fast aufs acht Meter tiefer liegende Pflaster befördert hätte. Wieder einmal hatte er sie nicht kommen gehört. Diese Frau stand ihm zwar in Statur in nichts nach, konnte sich aber trotzdem lautlos wie eine Katze bewegen, wenn sie denn wollte. Nun ließ sie sich neben ihm nieder und ließ ebenfalls ihre Beine über die Kante hängen.
„Du kannst ja noch nicht lange eingelaufen sein, Sonya. Ha, dann können du, Yost und ich endlich mal wieder zusammen einen Heben bevor ich übermorgen auslaufe. Das ist auch schon ne ganze Weile her. Aber was treibt dich denn zu unserem alten Stützpunkt? Wie wärs denn zur Abwechslung mal mit einem richtigen Bett?“
Tatsächlich war dieses heruntergekommene Loch früher mal Hauptquartier der Hafenhunde gewesen. Doch als Kinder des Hafens kann man es sich nicht leisten zulange am gleichen Ort zu bleiben.
„Ha, jetzt wo ich endlich die Chance habe dem Gestank an Bord zu entfliehen soll ich mich in eine Havenar Kaschemme zwängen. Nee danke, hier kennen mich die Kakerlaken immerhin. Aber die Frage geb ich mal direkt zurück an dich. Ich hab die Schaukel unten gesehen. Die REPARIERTE Schaukel. Was ist los, Hinnerk?“
Der Seefahrer wollte zu einer Ausrede ansetzen, streifte dabei allerdings mit seinem Blick die grün gesprenkelten Augen der Vielleicht-Ein-Viertel-Thorwalerin und klappte den Mund wieder zu. Vor Sonya hat noch keiner der Hunde je etwas verbergen können. Hinnerk schaute wieder aufs Wasser. Nach einigen langen Momenten stellte er seine Frage.
„Sonya, was ist ein Seemann?“
Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet. Nach einem Moment knuffte sie ihn in die Seite.
„Ha, seit wann bist du denn plötzlich so sentimental? Hast du heute zuviel mit Hai-Kai rumgehangen oder …?“
„Ach komm Sonya, ich meins ernst. Sind wir wirklich nur deshalb auf See gelandet weil wir zu sonst nichts taugen, wie Yost behauptet? Klar gibt’s auch Phileassons unter den Seefahrern, aber die sind wir nun mal eben nicht! Wir sind nur ein paar Streuner die Kopf und Kragen riskieren um über die Runden zu kommen, weil uns sonst keiner haben will. Richtige Helden gibt es eben nur in Geschichten.“
Das hatte er eigentlich garnicht alles sagen wollen. Sei’s drum, jetzt hatte Sonya es ja doch schon gehört. Die Frau ließ sich ein bisschen Zeit mit ihrer Antwort. Dann fragte sie mit ruhiger Stimme:
„Hinnerk, geht es hier vielleicht nicht um was ganz anderes? Weißt du, der Untergang der Wellenläuferin ist jetzt fast sechs Monde her. Ist es nicht langsam an der Zeit zu akzeptieren, dass Rogan…“
„Rogan ist NICHT TOT!“
Sonyas Hand, die sich gerade besänftigend auf Hinnerks Schulter hatte legen wollen, zuckte ob des lauten Ausrufs zurück.
„Schau mal Hinnerk, Rogan hat dich immer behandelt wie ein Stück Dreck. Ich weiß garnicht mehr wie oft er ohne dich weitergesegelt ist und dich sitzen gelassen hat. Bei Efferd, einen zwölfjährigen im Winter in Thorwal…“
„Er hatte seine Gründe!“
„Und selbst wenn er die gehabt hat. Du weißt doch, als Seefahrer können wir uns manchmal ewig lang nicht sehen. Und dann ist es immer besonders traurig wenn man höhrt, dass ein Freund bei Davy Jones anklopfen musste, ohne dass man dabei war. Aber der Wind weht weiter, und schon um deiner Freunde willen musst du weitersegeln, auch wenn sie gestorb…“
„Verdammt nochmal Sonya, Rogan ist NICHT tot! Er und die ganze Bande nicht. Ein Schiff wie die Wellenläuferin geht nicht einfach so in einem lächerlichen Stürmchen unter! Niemand weiß wirklich was mit ihr und ihrer Mannschaft geschehen ist, es gibt nicht den allerkleinsten Hinweis darauf. Sie sind einfach verschwunden. Sowie alle anderen auch.“
Hinnerk hob den Kopf und sah Sonya direkt ins Gesicht.
„Niemand der mir wichtig ist hat den Anstand einfach zu sterben. Rogan und die ganze Bande nicht, meine Eltern nicht, Friddo nicht. Wären sie doch alle verreckt! Dann wüsste ich wenigstens was mit ihnen passiert ist. Aber nein!, ich muss mich immer wieder fragen: Wo stecken sie? Steht ihnen wohlmöglich das Wasser bis zum Hals? Könnte ich ihnen vielleicht helfen?! Werden sie vielleicht seit Jahren gefoltert und warten nur darauf dass sie jemand rettet?! Ich … Ich…!“
Ihm gingen die Worte aus. Die Wut war so schnell wieder verflogen wie sie gekommen war. Sein Gesicht war nur noch eine Maske der Trauer. Mit leiser Stimme fuhr er fort.
„Bitte, Sonya. Verschwinde nicht. Nie niemals nicht. Du nicht, und Yost nicht, und sowieso keiner der Hafenhunde. Ich ertrag’s nicht mehr.“
Eine Weile war nur das Plätschern der Wellen zu hören. Zu dieser Zeit war selbst in den meisten Tavernen Zapfenstreich. Die Sterne funkelten immer noch aus dem Wasser des Hafens zu den beiden herauf. Plötzlich bekam Hinnerk wieder einen Knuff in die Seite. Zu einem Gespräch mit Sonya gehörten nunmal ein paar blaue Flecken dazu. Als er zu ihr hinsah lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie began wieder zu sprechen.
„Was ein Seemann ist weiß ich auch nicht. Vielleicht hat Yost Recht und wir sind alle nichts als Nichtsnutze. Aber ich weiß wer der Seemann Hinnerk Sandström ist! Er ist jemand, der bei Sturm als letzter unter Deck geht. Er ist jemand, der bei Flaute die anderen mit seinem Seemansgarn unterhält und ständig nach neuen Geschichten sucht. Er ist jemand, der die Mannschaft zusammenhält wenn der Kapitän zu wenig Rum geladen hat. Und er ist jemand der die Meuterei anführt, sollte der Kapitän auch noch zu wenig Verpflegung geladen haben. Er ist kein legendärer Held aus den Geschichten, egal wie viel er seine eigenen Abenteuer übertreibt. Doch für seine Mannschaft ist er genauso ein Held wie Phileasson es für ihn ist. Und die Mannschaft würde keinen lieber haben. Ich muss es wissen, ich war schließlich auch schon ein Teil von ihr.“
Schweigen. Dann schlich sich tatsächlich ein Lächeln auf das Gesicht des Seemanns.
„Sonya … danke.“
„Ha, da nicht für Haudegen. Sag mal, ist auf deinem nächsten Kutter noch ein Platz frei? Ich bin ab heute arbeitslos.“
„Und wenn ich den Kapitän eigenhändig über Bord befördern muss, für dich find ich immer nen Platz.“
„Haha, dann wär das ja auch geklärt. Ich hau mich dann mal hin. Nacht Hinnerk!“
Sonya stand auf und gab ihm noch einen Gute-Nacht-Knuff. Er wünschte ihr ebenfalls eine und dann ging sie auf den Dachboden um sich ein Lager aus alten Tauen und vergessenen Segeltüchern herzurichten. Doch Hinnerk saß noch bis zum Morgengrauen auf dem Dach des alten Hauptquartiers und dachte über ihre Worte nach.

Es ist eine Nacht wie jede andere Nacht in Grautann auch. Der Garten des örtlichen Hesindetempels liegt weiterhin verlassen da, einzig und allein der Mond ist weitergezogen. Auf der Schaukel am größten Baum des Gartens sitzt immernoch die Gestalt. Und denkt.
„Diesmal bin wohl ich derjenige der Verschwunden ist. Efferds Launen sind wirklich undurchschaubar. Sonya, Yost, es tut mir Leid. Aber ihr werdet schon sehen. Egal was die Götter oder Dämonen oder sonst wer mir an Hindernissen in den Weg stellen, irgendwann komm ich zurück. Mit mehr Geschichten im Gepäck als ihr euch jemals vorstellen könnt. Wieder mit euch und dem Seewind über die Wellen zu reiten ist mein größter Traum. Aber eine Weile werdet ihr beiden noch warten müssen. Denn schließlich machen nicht das Meer oder das Schiff mich zum Seemann, und auch nicht mein Talent einen Rollstek in fünfzehn Sekunden knoten zu können. Das wichtigste für einen Seemann ist, seine Mannschaft auf ihrem Abenteuer nicht im Stich zu lassen. Und solange meine Mannschaft noch nicht in sicherem Hafen ankert, solange werde ich dafür sorgen, dass keiner über Bord geht. Das ist was einen legendären Seefahrer wirklich auszeichnet.“
Ein Lächeln umspielt Hinnerks Mundwinkel. Die beiden Zwerge haben ihren sicheren Hafen endlich erreicht, doch müssen sie sich bald wieder auf hohe See wagen. Auch die anderen sind noch dort draußen. Das Schiff des Wolfmannes kämpft verzweifelt um Einlass in den Hafen und wird doch immer wieder von seiner Vergangenheit abgeschmettert. Das Schiff der Elfe gleitet zwar mit übernatürlicher Anmut über die Wellen, schafft es aber stets sich in die größtmögliche Gefahr zu manövrieren. Wo das Schiff der Möchtegern-Diebin hinfährt muss sich noch herausstellen, allerdings scheint es eine Abneigung gegen Häfen zu haben. Und das Schiff des Magiers … nun, das würde er auch schon noch irgendwie mitkriegen. Zufrieden lehnt er sich an eines der Seile der Schaukel. Jetzt konnte der Morgen kommen.

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