Hinnerk Sandström

Seemann ohne Boot oder Kompass

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Bio:

Bio

Hinnerk wuchs in der Hafenstadt Havena auf, hatte aber die Westküste bereits in jungen Jahren von Kuslik bis Thorwal bereist. Aus dem Schiffsjungen wurde mit den Jahren ein waschechter Seebär, der schon so manches gesehen hat. Somit ist er, seiner Meinung nach zurecht, abergläubisch. In Havena muss Hinnerk nicht fürchten für einen Hungerlohn angeheuert zu werden, und in allen anderen Städten machen seine Säbelkünste den Kapitänen deutlichst klar warum nicht.

Momentan ist Hinnerk im Binnenland unterwegs, wenn auch unfreiwillig. Nach einer nicht mehr ganz durchsichtigen Nacht fand er sich auf einem Karren im Wald wieder. Der Lenker des Karrens schien genauso überrascht Hinnerk zu sehen wie er ihn. Nun ist er auf der Suche zurück zum Meer, gerät dabei aber ständig auf Irrwege. Doch er gibt die Hoffnung nicht auf eines Tages wieder Seeluft schnuppern zu können.

„Man sollte meinen der Weg nach Westen sei nicht schwer zu finden, aber fragt man 3 von diesen Landratten nach dem Weg zeigen sie in 3 verschiedene Richtungen.“



Die Wette

Es war ein guter Tag für einen Jahrmarkt. Praios Anlitz erhellte den angenehm warmen Sommertag, weswegen mehr Menschen als sonst gekommen waren um für einen Tag ihre Sorgen hinter sich zu lassen und sich an den Spektakeln zu ergötzen. In Thomas Geldbeutel klimperten fröhlich die Münzen als er seinen „Kunden“ verabschiedete und sich wieder der Menge zuwandte.
„Nochmal einen großen Applaus für Regert und seinen beeindruckenden Salto, keine Sorge der Junge hat sich nichts getan. Doch vielleicht sollte er lieber Schausteller werden als Bullenreiter, das waren ja keine fünf Sekunden! Welcher Mann will unserem lieben Regert zeigen wie man dieses wilde Tier richtig zähmt?“
Thomas ließ seinen Blick über die laut lachenden und rufenden Zuschauer schweifen. Viele versuchten ihre Freunde zu drängen die Wette einzugehen, doch niemand tat sich wirklich hervor. Mann um Mann mit dem Gesicht voran im Dreck landen zu sehen schien mittlerweile auch den Dümmsten eingebläut zu haben wie schwierig die Aufgabe in Wirklichkeit war. So schwierig, dass sie heute noch keiner bewältigt hatte, was nach Thomas Meinung genau richtig war. Gerade als er ein paar Burschen helfen wollte einen ihrer Kumpel zu ermutigen, zupfte ihn sein altes Muttchen am Ärmel.
„Siehst du den Kerl da drüben? Den mit den komischen Klamotten, der die Auslagen vom Gerber begutachtet? Der ist bestimmt nicht von hier.“
„Mutter was würden wir nur ohne deine Augen machen. Das wird leicht verdientes Geld!“

Schnurstracks drängte Thomas sich durch die Menge und blieb vor dem Hühnen, der ihn um eine Kopf überagte, stehen. Warum musste auch alle Welt nur so groß gewachsen sein?
„Heda, guter Herr, na ihr seid ja wirklich ein Prachtstück. Wie wärs, wollt ihr mir nicht helfen meinen Bullen zu zähmen?“
Die Gestalt drehte sich um. Unter der merkwürdig aussehenden und bereits recht abgewetzten Mütze kam ein wettergegerbtes Gesicht mit einem gut gestutzen Vollbart zum Vorschein. Erst jetzt bemerkte Thomas die Schwertscheide an seiner Hüfte, welche allerdings komisch gebogen war. Kein Schwert würde da hineinpassen.
„Was hab Ich mit eurem Bullen zu schaffen?“, antwortete er mit einem fremdklingenden Akzent. In Gedanken rieb Thomas sich voller Vorfreude die Finger.
„Ach nichts, nichts. Es geht nur um ein Spiel das wir hier gerne Spielen, eine kleine Wette sozusagen. Ich behaupte, dass sie guter Mann sich nicht für 30 Sekunden auf meinem Bullen halten können. Sollte ich Recht behalten schulden sie mir gerade einmal 5 Heller, doch wenn Sie mich vom Gegenteil überzeugen können winken ihnen ganze 5 Silbertaler! Also wenn das kein gutes Geschäft dann weiß ich auch nicht.“
Während Thomas seine Worte möglichst gestenreich untermalte schaute der Hühne zur Kuppel.
„Das soll der Trubel also. Ha, komische Spielchen habt ihr Landleute hier. Erinnert mich an ein Spiel was wir als Burschen früher gespielt haben… Ich sag euch was, die Silbertaler könnt ich gebrauchen. Ich bin dabei.“
„Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Dann kommt doch bitte gleich mit, Herr…?“
„Der Name ist Hinnerk Sands..“
„Hinnerk, wunderbar. Ein starker Name, wahrlich. Kommt weiter, weiter. Dort, zu den Stallungen.“

Zurück auf dem Platz stellte sich Thomas auf sein Podest, eine umgekippte Kiste.
„Meine Damen und Herren, wir haben einen Herausforderer! Er ist ein weitgereister Abenteuer der schon so manche Schlachten geschlagen und die Herzen manch einer Frau gebrochen hat! Aus dem fernen Juroswalde präsentiere ich euch … Hinnerk!“
Mit diesen Worten öffnete sich unter dem Gejohle der Menge die abgrenzende Tür zum Stall und ein stattlicher Bulle kam herausgeschossen, fest entschlossen das Geschmeiß auf seinem Rücken loszuwerden. Thomas blieb der Mund offen stehen.
„Hey, der Kerl steht ja!“
„Veräppel mich net, auf einem Bullen kann man nicht stehen“
„Guck doch, er steht. Er steht!“
Tatsächlich, der Hühne aus Praios-weiß-woher stand auf dem Bullen, Hände in der Luft. Es war als wären seine Füße an den Rücken des Tieres festgeklebt. Bei jedem Aufbäumen bewegte sich sein gesamter Körper mit, ohne auch nur eine Spur von Unsicherheit zu zeigen. Die Menge erhohlte sich rasch von ihrer Überraschung und begann wie so oft einen Sprechchor.
„Hinnerk, Hinnerk, Hinnerk!“
Gerade als Thomas bemerkte, dass er mit dem Zählen noch garnicht angefangen hatte, sprang der Mann namens Hinnerk von einem äußerst verwirrten Bullen und landete direkt vor Thomas Nase.
„Spaßige Spiele habt ihr hier. Doch es hat schon seinen Grund warum ich noch nie über Bord gegangen bin. Nicht umsonst nannte man mich damals Havenas bester Treibholz-Wellenreiter. Nun, wie steht es mit unserer Wette?“

Der verdatterte Thomas konnte nur „Äääh ja, sicher“ stammeln und gerade so 5 Silbertaler abzählen, während die Zuschauer um ihn herum tosten und den Held des Tages feierten. Dieser bedankte sich und wandte sich gerade zum Gehen, als ihm etwas Einzufallen schien.
„Sagt mein Freund, ihr wisst nicht zufällig den Weg nach Westen?“
Statt Thomas antwortete sein wie aus dem nichts aufgetauchtes Muttchen.
„Westen sagt ihr? Na dann müsst ihr nur in Richtung des Deruk-Waldes gehen, das hat schon meine Großmutter immer gesagt. Folgt einfach diesem Pfad aus dem Dorf heraus und ihr könnt nicht fehlgehen.“
Der Mann zog zum Dank seinen Hut, doch als er sah in welche Richtung das Muttchen zeigte sackten seine Schultern sichtlich herab. Thomas meinte ein „Da komm ick doch grad her“ zu hören, doch schon stand der Mann wieder gerade, verabschiedete sich und zog davon. Thomas sah im hinterher, wie er verfolgt von ein paar übermütigen Kindern verschwand. Dann wandte er sich an sein Muttchen.
„Mutter, seit wann weißt du eigentlich wo Westen lieg…“
Die Worte blieben ihm im Halse stecken als er ihr Gesicht sah.
„Das weiß ich genauso wenig wie du Holzkopf! Und nun mach dich ran und hohl das Geld wieder rein, sonst kannst du dir dein Abendessen abschminken!“

Hinnerk Sandström

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